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Dienstag, 7. Juli 2015

Denn sie wissen, was sie tun

Gerade hat die Unesco neue Weltkulturerbestätten ernannt und sich gleichzeitig besorgt über die Zerstörung antiker Kulturdenkmäler durch den IS geäußert. Ich nehme das zum Anlass, etwas aufzuarbeiten, dass mich schon seit einiger Zeit beschäftigt. 
Ich habe mich  an dieser Stelle schon einmal über die Zerstörung eines antiken Grabes durch den IS geäußert, die Kulturlosigkeit dieser Fanatiker beklagt und an den guten Willen aller anderen appelliert. An sich wäre das Thema in diesem Blog also durch. Doch die Reaktionen auf diesen Artikel waren für mich erschreckend und vertraut zugleich, deshalb hier die wichtigsten in Kürze:
1) "Und wie war das mit der Zerstörung heidnischer Altäre durch die Könige Judas und Israels?" (wahlweise wird auch gerne der Heilige Bonifatius angeführt).
2) "Sie wissen nicht, was sie tun."
3) "Der Islam ist eben 600 Jahre jünger als das Christentum." - Soll heißen: Wir Christen waren vor 600 Jahren auch noch nicht so weit.
Und weil sie so oft in dieser oder ähnlicher Art kommen, möchte ich jetzt doch mal was dazu sagen:
Ad 1: Ja, wie war das? Nicht schön und nicht richtig war das. Kein historisch denkender Mensch wird abstreiten, dass auch die anderen Religionen der Welt Unrecht begangen haben bei ihren Versuchen sich auszubreiten. Das haben die Könige schon vor 3.000 Jahren in Israel getan, und das hat der Heilige Bonifatius vor über 1.000 Jahren getan, als er den armen Germanen ihre heilige Donar-Eiche gefällt hat. Nein, richtig war das nicht. Nur: wird das Unrecht der heutigen Verbrecher dadurch kleiner? Oder was will der Dichter mit diesem Hinweis überhaupt sagen?
Die Kämpfer des IS zerstören
die assyrischen Ruinen in Nimrud.
Quelle: Propagandavideo via The independent
Ad 2: Das bezweifle ich. Die Kämpfer des IS wollen gezielt die Zeugnisse vergangener Kulturen zerstören, weil sie eben nicht islamisch waren. Ich denke, sie wissen genau, was sie tun. Höchstens verstehen sie nicht, was sie sind: eines von vielen, vielen Grüppchen mit einer von vielen, vielen Glaubensüberzeugungen in der Weltgeschichte. (womit ich nicht den Islam als Religion meine, sondern den Fundamentalismus des "Islamischen Staates". Er ist eine von vielen Spielarten des Islam, so wie ja auch das Christentum nicht ein Block ist, sondern von vielen, vielen Gruppen und Grüppchen je unterschiedlich gelebt und interpretiert wird - im Laufe der Geschichte.)
Ad 3: Der Islam ist grob gesagt 1.400 Jahre alt. Als das Christentum so alt war, waren wir auch noch nicht so aufgeklärt und weltoffen, wie wir es heute sind. Richtig. Allerdings hatten wir Christen damals auch noch keine Industrialisierung und Digitalisierung erlebt. Ja, wir hatten noch nicht einmal Amerika entdeckt. Wer behauptete, dass sich die Erde um die Sonne dreht (wie Nikolaus Kopernikus), der konnte richtig Ärger bekommen, denn auf der Erde wohnt der Mensch, das Abbild Gottes, also muss sich alles um die Erde drehen. Magisches Denken war durchaus noch weit verbreitet (Hexenglauben!), es waren auch noch nicht die innerchristlichen Reformatoren mit ihren unbequemen Fragen aufgetreten, und folglich war schon der Gedanke, dass Menschen einen anderen Gott anbeten könnten als unseren, überaus erschreckend.
Seitdem hat sich die Welt ein wenig geändert. Nicht nur für uns Christen. Und wenn Moslems heute fernsehen, Handies und Internet souverän nutzen - auch für ihre Propaganda! - und locker rund um den Globus jetten, dann darf man doch wohl erwarten, dass sie auch mit ihren religiösen Überzeugungen in der Moderne ankommen.
Oder?

Mittwoch, 24. Juni 2015

Jona, geh nach Ninive!


Viele Menschen überall auf der Welt bemühen sich um die Ökumene und den interreligiösen Dialog. Das ist manchmal ganz leicht und manchmal ziemlich mühsam, aber immer lohnend. Wenn ich mich in meinem Glauben wohlfühle und ihn als wahr und richtig erkannt habe, hindert mich das nicht, mit Menschen anderen Glaubens zusammen zu kommen. Im Gegenteil: es kann überaus bereichernd sein zu erfahren, wie andere Gott und die Welt sehen.
Bildquelle: Radio Vatikan/AP
Da finde ich es einfach wunderbar, wenn es Orte gibt, die von Menschen verschiedener Religion gemeinsam als Pilgerstätte betrachtet werden. Ein solcher Ort war das Grab des Propheten Jona. 
Jona hatte nach jüdisch-christlicher Überlieferung von Gott den Auftrag bekommen, die Menschen in der Stadt Ninive zur Umkehr zu rufen. Mit Erfolg. Die Bevölkerung zeigte Reue und Gott verschonte Ninive - soweit die Erzählung der Bibel. Auch im Koran wird der Prophet Jona erwähnt, sein Grab war ein Pilgerziel für Muslime ebenso wie für Christen. Es lag in den Ruinen der antiken Stadt Ninive, in der Nähe der heutigen Stadt Mossul. 
Heute berichtete Radio Vatikan über die Zerstörung und Planierung dieses Grabes durch die Fanatiker des sogenannten Islamischen Staates. 
Natürlich: Der IS richtet viel Zerstörung an und begeht sicherlich schlimmere Verbrechen als ein antikes Grab zu planieren. Aber ich finde, hier wird der Fanatismus besonders deutlich: Ohne Sinn und Verstand zerstören sie brutal und barbarisch einfach alles, was nicht in ihre enge Vorstellung von Religion passt. Ich hoffe, dass wir ihnen nicht auf den Leim gehen. Lassen wir uns nicht blenden von ihrem Hass! Wichtig sind bei dieser Meldung nicht die Fanatiker des IS, sondern die Gläubigen von zwei Religionen, die an denselben Ort gepilgert sind - und beide Opfer wurden.

Donnerstag, 19. Februar 2015

Das christliche Abendland...

...und seine Gefährdung.
Es gibt Menschen, die fürchten die Islamisierung des Abendlandes. Ich verstehe, wieso sie auf diesen Gedanken kommen, aber mir fällt auch auf, dass sie nicht vom "christlichen Abendland" sprechen, es geht ihnen also um Kultur, nicht um Religion.
Ich fürchte mich auch. Ich sehe unser Abendland massiv bedroht, aber vor allem, weil ich unsere Kultur und die christliche Religion nicht trennen kann. Ich habe mich darüber an dieser Stelle auch schon ausgelassen und möchte mich nicht wiederholen. Aber aus aktuellem Anlass eines noch:
Da diskutieren wir im ehemals so erzkatholischen Münster ernsthaft, ob sich die Kommune noch an der Finanzierung des Katholikentages beteiligen soll. Das einzige stichhaltige Argument scheint schließlich das wirtschaftliche zu sein: man kann nachweisen, dass die Katholikentage den gastgebenden Städten insgesamt wesentlich mehr Einnahmen bringen als sie Kosten verursachen.
Ist das wirklich alles, worauf es in unserer Gesellschaft noch ankommt?
Katholikentage werden zwar von Katholiken organisiert, sind aber für Menschen aller Glaubensbekenntnisse inklusive Atheisten offen. Das sollte eigentlich bekannt sein. Dass dort eine Fülle von hochrangig besetzten Vorträgen und Diskussionspodien stattfindet, in denen es bei weitem nicht nur um Religion, sondern auch um unsere Verantwortung für den Frieden in der Welt, soziale Gerechtigkeit, die Bewahrung der Schöpfung u.v.a.m. geht, kann auch jeder wissen, der sich mit dem Thema je vorurteilsfrei auseinandergesetzt hat. Insofern sind Katholikentage ebenso wie die evangelischen Kirchentage ein Beitrag zu unserem kulturellen Leben. In ihnen kommt die im christlichen Abendland so wichtige Meinungsfreiheit zum Ausdruck und die Verantwortung des Einzelnen für das Gemeinwesen. Auf ihren Bühnen werden unsere ethischen Werte diskutiert, mit denen der säkularen Umgebung abgeglichen und weiterentwickelt.
Wer das nicht mehr will, wen nur noch interessiert, ob ein solches Event auch ordentlich Umsatz bringt, der braucht sich um die Islamisten keine Sorgen zu machen. Die säkularistischen Tendenzen in Deutschland sind derartig aggressiv, dass wir unser christliches Abendland ganz locker selber zugrunde richten.

Freitag, 16. Januar 2015

Katholiken und Muslime

Es reicht!
Also ich meine: es reicht wirklich.
Bevor mir jetzt wieder jemand Blauäugigkeit unterstellt: Ja, ich habe mitbekommen, was in Paris passiert ist. Und in Nigeria - obwohl die Presse da eher zurückhaltend war. Und ich weiß, dass laut Weltverfolgungsindex von opendoors 18 der 20 Länder, in denen Christen am stärksten verfolgt werden, islamisch sind. Ich habe mich übrigens auch mehrfach öffentlich zu all dem geäußert, v.a. zur Christenverfolgung im Irak, weil da Dominikanerinnen direkt betroffen sind.
Ich weiß, dass die Täter all dieser Verbrechen sich auf den Islam und auf den Koran berufen und ich relativiere das nicht.
Aber ich weiß auch, dass es Moslems gibt, die friedlich sind und keine Andersgläubigen umbringen. Ich kenne persönlich Moslems, die gut integriert in unseren westlichen Gesellschaften leben und denen das auch wichtig ist.
Wie das Zahlenverhältnis von friedlichen und fanatischen Moslems weltweit ist, wage ich nicht zu beurteilen. 
Dass es bei manchen Moslems stillschweigendes Einverständnis für die Fanatiker gibt, ist eindeutig.
Dass die stumme Ablehnung von Gewalt sinnlos ist, hat uns Deutsche das Dritte Reich gelehrt. Wenn man gegen die Fanatiker ist, muss man das laut sagen und auch was dagegen tun. Vielleicht müssen das die Moslems weltweit gerade lernen.
Aber eines kann und will ich nicht akzeptieren: Dass Christen, gerade die, die sich besonders fromm fühlen, hingehen und in einer unglaublichen Arroganz verkünden, wie "der Islam" tickt. Und dass alle Muslime Verbrecher seien, weil das der Koran vorschreibt. Und wer als Moslem friedlich sei, der habe seine Religion eben nicht richtig verstanden. Weil "der Islam" eine teuflische Religion sei.
Wenn ich so etwas lese - und um solche Kommentare kommt man z.Zt. kaum herum, wenn man im Netz unterwegs ist - dann muss ich tief durchatmen. Und dann freue ich mich, dass ich katholisch bin. Denn meine Kirche hat vor 50 Jahren eine klare Haltung zu den nichtchristlichen Religionen entwickelt und verkündet. Eine, mit der ich gut leben kann. 
Sie wurde veröffentlicht als Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils, und wer als Katholik behauptet, friedliche Moslems kennten nur den Koran nicht richtig, dem kann man antworten, sie seien in ihrer eigenen Theologie wohl auch nicht so fit. Denn unsere katholische Kirche betrachtet die Muslime "mit Hochachtung" und ermahnt uns, uns um "gegenseitiges Verstehen zu bemühen".
Das nimmt nicht weg, dass wir die Unterschiede sehen und uns auch mit den Fanatikern oder den Fehlern islamischer Regierungen kritisch auseinandersetzen. Aber "die Katholiken" betrachten "die Muslime" zunächst einmal mit Respekt.
Vielleicht sollte man hinzufügen: Schön wär's.

Samstag, 27. Dezember 2014

"Scheiß Christen"

Nachdem ich mich öffentlich ziemlich deutlich gegen Pegida positioniert habe, fühle ich mich verpflichtet, auch zu dem Vorfall in Mönchengladbach-Rheydt am Heiligabend Stellung zu nehmen. Sie haben es vielleicht in der Rheinischen Post gelesen: 5 muslimische Kinder/Jugendliche hatten eine katholische Krippenfeier gestört und "Scheiß Christen" gerufen. Eine Mutprobe? Ein "Dummerjungenstreich"?
Mein erster Gedanke war: der Pfarrer hat gut reagiert. Er will mit den Eltern sprechen, hat aber auch die Polizei eingeschaltet wegen Störung der Religionsausübung. Signal: wir nehmen die Sache ernst, wollen aber vor allem Dialog und keine Konfrontation.
Zweiter Gedanke: Was würde wohl passieren, wenn in Istanbul fünf christliche Jungs in eine Moschee liefen und "Scheiß Moslems" schrien? 
Pfarrer Manfred Riethdorf
Foto: Raupold, Isabella
Dritter Gedanken (beim Lesen eines längeren einschlägigen Artikels): Der Pfarrer hat guten Kontakt zu Muslimen in der Nachbarschaft. Von denen kommen dann auch prompt welche und äußern sich bedauernd. Ich will mich schon freuen, da lese ich: "Die Sache schadet UNSEREM Ruf." Vielleicht hat die Zeitung schlecht zitiert, aber ich vermisse: "Tut uns leid, dass IHR Gottesdienst gestört wurde."
Ich bin immer dafür, Einzelfälle nicht zu sehr zu generalisieren, aber ich finde diese Szene schon verstörend. Viel hängt jetzt m.E. davon ab, wie die Erwachsenen und v.a. die muslimischen Erwachsenen mit dem Verhalten dieser Kinder umgehen.

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Auf dem Weg: Wohin des Wegs, PEGIDA?

In Dresden gehen Tausende PEGIDA-Anhänger auf die Straße, um zu demonstrieren. Aber auf die Frage "Wohin des Wegs?" gibt PEGIDA erst mal keine Antwort. Sie sagen vor allem, wohin sie NICHT wollen. Sie wollen nicht in ein islamisiertes Europa.
Nun könnte man einwenden, dass der Anteil der Moslems in Sachsen (laut Rheinischer Post) ganze 0,1% beträgt. Unter uns: ich fürchte mich nicht vor einer Islamisierung Dresdens. Aber sei's drum.
Diese Patrioten Europas sind also gegen eine Islamisierung des Abendlandes, das muss man ernst nehmen. Ich halte mich auch für eine Patriotin, ich bin sehr gerne Deutsche (das weiß ich vor allem, seit ich mal ein paar Jahre im Ausland gelebt habe), und ich möchte nichts anderes sein als Europäerin. Ich will auch nicht, dass das Abendland islamisiert wird (was auch immer das konkret heißen soll, es klingt jedenfalls nicht gut). 
Trotzdem würde ich mich niemals einer PEGIDA-Demo anschließen. Warum nicht? Weil die nicht wissen, wohin sie wollen!
Liebe PEGIDAs! 
Wisst ihr, was ich glaube? Ihr merkt, dass das Abendland den Bach runter geht. Das macht euch Angst. Und damit habt ihr verdammt recht. 
Aber es ist nicht irgendein Abendland, dass sich da auflöst, es ist das christliche Abendland. Den Ausdruck verwendet ihr schon gar nicht mehr, und damit tragt ihr selber zu dem bei, was ihr verhindern wollt. Es ist nämlich nicht der böse Islam, der das arme Abendland bedroht. Wir selber sind es, die wir unsere kulturelle Identität einfach zum Fenster rauswerfen.
Wir machen aus Weihnachtsmärkten Wintermärkte. Wir haben schon lange den Bischof Nikolaus (eine historische Figur, die uns ein Vorbild in Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft war) durch eine Coca-Cola-Werbefigur ersetzt, die eine Erfindung zur Steigerung des Konsums ist und in immer absurderer Form durch unsere Städte turnt. Unsere Martinsumzüge machen wir zu Lichterfesten - aber nicht, weil die bösen Moslems uns dazu zwingen. Die finden den Heiligen Martin, der seinen Mantel mit dem Bettler teilt, oft toll. Schließlich gilt es auch in ihrer Kultur als hoher Wert, Bedürftigen zu helfen. Nein, es sind ganz normale Deutsche, die all das Christliche irgendwie aufdringlich finden und meinen, man sollte das doch besser ein bisschen neutralisieren. 
Kann man machen. Man kann unsere gesamte Kultur entchristlichen. Übrig bleibt dann McDonalds, "Geiz ist geil", die Banken, seichte Fernsehserien - und eine Bevölkerungsminderheit, Juden, Moslems und Christen, die sich ihren Glauben zum großen Ärger der anderen einfach nicht austreiben lassen. Diese Christen sind dann einfach nur noch Spinner, die die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben. Gegen die Juden darf man ja nix mehr sagen. Aber die Moslems - ja, das sind böse Eindringlinge, die uns unser europäisches Abendland kauputtmachen wollen.
Liebe PEGIDAs,
nehmt's mir nicht übel, aber vielleicht solltet ihr erstmal überlegen, wo ihr hin wollt. Und wenn euer Ziel die Rettung des Abendlandes ist, dann braucht ihr nicht gegen den Islam zu kämpfen. Dann legt euch lieber mit den Typen an, die nicht mehr wissen, was wir an Weihnachten und Ostern eigentlich feiern. Kämpft doch mal gegen die Kulturvergessenheit der Deutschen! Bringt uns unsere kulturelle Identität in Erinnerung. Da wäre ich sofort dabei.



Foto: Melani Schaller@pixelio.de

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Buntes Multikulti - gegen den schwarzen IS

Mal ganz ehrlich: "Multikulti" war für mich immer ein etwas abwertender Ausdruck. Ein wenig schwang unterschwellig das mangelnde Problembewusstsein der Gutmenschen mit, die glauben, "irgendwie" haben wir uns doch alle lieb und können deshalb auch alle ganz toll miteinander leben.
Nun ist inzwischen wohl auch dem größten Sonnenblumen-Fan klar, dass das "irgendwie" nicht so ganz klappt. Auf deutschen Straßen demonstrieren sozusagen Delegierte der Kriegsparteien aller Welt gegeneinander, Verfolger und Verfolgte, sowie ihre Sympathisanten. Und oft genug bleibt es nicht beim Parolenschreien.
"Es soll kein Zwang sein im Glauben"
Sure 2, 257
Ist Multikulti deswegen tot?
Ich habe mich selber zum Gutmenschen erklärt und finde: nein! Multikulti ist super. Multikulti ist noch lange nicht tot, eigentlich fängt es gerade erst so richtig an. 
Und das finde ich vor allem deshalb, weil es keinerlei vernünftige Alternative gibt!
Wie komme ich darauf? Vorgestern haben wir in der katholischen Kita (deren Träger Bethanien ist) ein islamisches Fest gefeiert. Nein, nicht Ramadan oder sowas! Die Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde hatte eingeladen, gemeinsam einen Apfelbaum zu pflanzen und sich besser kennenzulernen.
Ich kannte sie schon von einer anderen Veranstaltung. Es ist eine moslemische Reformbewegung, weder Schiiten noch Sunniten, eine Minderheit, aber durchaus nicht unbedeutend. Sie setzen sich dafür ein, den wahren Islam bekannt zu machen und verteilen dafür nicht nur Schriften, sondern hatten auch Koranzitate auf bunte Fähnchen geschrieben (Kita-Fest!!!), die von der Friedens- und Freiheitsliebe des Islam Zeugnis geben.
Ich habe mich noch lange mit einigen von ihnen unterhalten. Sie sind verzweifelt über die Taten der IS-Fanatiker. "Das ist nicht der Islam" habe ich immer wieder gehört. Die Gemeinschaft kommt ursprünglich aus Pakistan, und als ich einem Mann sagte, die Christen würden dort so schlimm verfolgt, sagte er: "Wir auch."
Darum bin ich ab sofort für Multikulti. Gutmenschen aller Nationen und Kulturen - vereinigt euch!
Aber kommt man mit bunten Fähnchen der Verständigung an gegen schwarze Fahnen des Terrors? Ich habe kein Rederecht in der UNO oder im EU-Parlament. Also könnte ich schweigen. Oder jammern. Oder schimpfen! Aber lieber schwenke ich mein buntes Fähnchen da, wo man mich eben sehen und hören kann. Mehr nicht. 
Aber auch nicht weniger!

Freitag, 26. September 2014

Unsichtbare Frauen

Gestern habe ich ein Video gesehen, das eine Frau heimlich in der syrischen Stadt Rakka gefilmt hat. Rakka gilt als die Hochburg der IS-Miliz. Die Frauen in dem kurzen Video sind alle vollständig verschleiert, im Kommentar heißt es, die Islamisten hätten am liebsten, wenn Frauen überhaupt nicht mehr auf den Straßen zu sehen wären.
Plötzlich wird die filmende Studentin von einem Auto angehalten. Zwei Männer fordern sie auf, ihre Kleidung zu ordnen: "Ich kann dein Gesicht sehen." Sie entschuldigt sich und richtet den Gesichtsschleier (Nikab). Der Beifahrer entlässt sie mit einem freundlich mahnenden "Gott liebt eine verhüllte Frau".
Darüber musste ich nachdenken.
Bildquelle: dpa, Rheinische Post vom 25.09.2014
Ja, Gott liebt all diese vollständig verhüllten Frauen. Zweifellos. Im Alten Testament heißt es, Gott liebt alles, was er geschaffen hat, denn hätte er es nicht geliebt, dann hätte er es nicht geschaffen. Eine wunderbare Aussage. Und natürlich steht im Koran, dass die Frau sich verhüllen soll. Genauer gesagt steht in Sure 24 "Das Licht", die gläubige Frau solle ihre Augen niederschlagen und ihre "Scham hüten", ihre Reize nicht zur Schau tragen und "ihren Schleier über ihren Busen schlagen". (zit. nach der Reclamausgabe von 1960) 
Aber wieso hat dieser Mann dann ein Problem damit, wenn er das Gesicht der Frau sehen kann?
Ich bin sicher: hätte Gott gewollt, dass Frauen für Männer unsichtbar sind - dann hätte er die Männer ohne Augen erschaffen.

Mittwoch, 17. September 2014

Herrn Mazyeks Krokodilstränen

Ich gestehe: ich habe während der Konvents-Exerzitien Tagesschau geguckt. Für die, denen das jetzt nix sagt: das ist keine Katastrophe, aber eigentlich macht man das nicht. Egal, es ist passiert. Wäre nicht der Rede wert, wenn die böse Tat nicht eine noch bösere Konsequenz hätte: ich habe etwas gesehen, das ich kommentieren muss (und das geht während der Exerzitien eigentlich wirklich nicht. Aber ich weiß nicht, ob ich friedlich beten kann, bevor ich diesen Post losgeworden bin, insofern hoffe ich bei allen Mitschwestern, die frommer sind als ich und das vielleicht lesen auf Nachsicht...)
Es ist Ayman Mazyek, der mich um meine Gelassenheit gebracht hat, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Der sagte: "Ich bin Jude, wenn eine Synagoge angegriffen wird, ich bin Christ, wenn Christen z.B. im Irak verfolgt werden und ich bin Moslem, wenn Brandsätze auf ihre Gotteshäuser geworfen werden." Ein schöner Satz - keine Frage.
Und nun wird es einen Aktionstag geben: deutsche Muslime distanzieren sich vom islamistischen Terror, sie wehren sich dagegen, dass die Extremisten des IS den Islam missbrauchen. Toll. Darauf - wenn die Bemerkung gestattet ist - haben wir lange gewartet. 
Aber was ist das? Gleichzeitig wollen die Islamverbände auch gegen die Diskriminierung ihrer eigenen Religion demonstrieren. Moslems, so heißt es, haben in den letzten Wochen weniger Sympathien und Solidarität durch die deutsche Bevölkerung erfahren. Ach was, echt jetzt?
Vertreter der großen Moslemverbände in Deutschland
rufen für Freitag zu einem Aktionstag auf
Bildquelle: www.tagesschau.de
Herr Mazyek, mal ganz unter uns: ich habe viel Sympathie für den Islam. Ein Teil meiner Familie (und zwar ein netter!) ist muslimischen Glaubens. Ich habe immer darüber berichtet, wenn sich Imame von Terroranschlägen distanziert haben. Ich will Ihnen nix, echt nicht. Aber das hier, das kann doch nicht Ihr Ernst sein, oder?
Juden müssen sich auf deutschen Straßen wieder fürchten, weil der Nahostkonflikt hierher getragen wird, Christen werden im Irak nicht nur vertrieben, sondern systematisch vergewaltigt und gekreuzigt (!) - und Sie machen einen Aktionstag erst dann, wenn Sie merken, dass Sie was für Ihr Image tun müssen? Sie werben für Toleranz und Glaubensfreiheit erst, wenn die Brandsätze auf Moscheen fliegen? Dann war das wohl doch nicht so ernst gemeint mit dem "Ich bin Christ, wenn..."?
Wohlgemerkt: ich weiß, dass die Medien nicht alle Ihre Stellungnahmen und Distanzierungen deutlich genug gebracht haben. Umso wichtiger ist dieser Aktionstag. Ob Sie sich aber einen Gefallen damit tun, wenn Sie sich gleich wieder in die Opferrolle begeben, bezweifle ich.

Und hier noch ein Nachtrag: gerade lese ich, dass es am Wochenende in Berlin eine Demonstration gegen Antisemitismus gab.
http://www.cicero.de/berliner-republik/demo-gegen-judenhass-wo-waren-die-muslime/58230
Ein eigener Aktionstag ist gut, sehr gut. An den Aktionen der anderen teilzunehmen, wäre aber auch ein gutes Zeichen - ein sehr gutes!

Samstag, 6. September 2014

Offener Blick auf den Schleier

"Disparition" von Bushra Almutawakel
Bildquelle: http://globalvoicesonline.org/2012/09/09/france-yemen-vanishing-women/
http://universes-in-universe.org/deu/nafas/articles/2010/boushra_almutawakel/
Vor einiger Zeit habe ich zwei muslimische Mädchen auf die Taufe vorbereitet. Irgendwann fragte eine der beiden, warum ich eigentlich einen Schleier trage. Ich habe ihnen erklärt, dass Haare ein natürlicher Schmuck sind und dass das Bedecken der Haare in den verschiedenen Kulturen immer etwas damit zu tun hatte, dass die Frau nicht (mehr) zu haben war. Sobald eine Frau heiratete, kam sie "unter die Haube", sie war vergeben und kleidete sich von da an zurückhaltender. Das ist im Kloster ähnlich: der Schleier oder früher auch das Abschneiden der Haare war ein Zeichen der Jungfrauenweihe: ich habe meinen Bräutigam gefunden - Finger weg.
Auch im Islam bedeutet das Kopftuch eigentlich erst mal nichts anderes. Der Koran verlangt von den Frauen eine anständige Bekleidung. Sie sollen Haare und Hals bedecken - und das, was in der westlichen Kultur gerade entblößt wird: das Dekolleté. Das gilt natürlich vor allem erst mal für verheiratete Frauen. Junge Mädchen sollen natürlich auch dem Anstand gemäß gekleidet sein, müssen aber ihre Attraktivität - maßvoll - zeigen dürfen, damit sie überhaupt einen Mann bekommen. (Diese Unterschiede beobachte ich immer wieder fasziniert, wenn ich muslimische Teenager modern gekleidet mit farblich passendem, schick gestyltem Kopftuch sehe.) Und es gilt überhaupt nicht für Mädchen vor der Pubertät, denn es geht ja um das Verhüllen sexueller Reize. Wo nichts ist, muss man nichts verhüllen.
Soweit, so nachvollziehbar. Man muss das nicht mögen, aber ich finde, wir haben kein Recht, anderen Leuten zu sagen, wie sie ihre Töchter erziehen sollen.
Nun erleben wir aber in den letzten Jahren zunehmend eine andere Form der Verschleierung auch auf deutschen Straßen. Die verschiedenen Formen habe ich jetzt in einer Fotoserie der jemenitischen Künstlerin Bushra Almutawakel gesehen. Sie stellt sie in eine Reihe nebeneinander, um zu zeigen, wie unter dem Druck der Fundamentalisten die Frauen in muslimischen Gesellschaften mehr und mehr in die Unsichtbarkeit verschwinden.
Wenn ich mir diese Bilder ansehe, dann wird mir klar, was davon ich akzeptieren kann und womit ich ein Problem habe. Und warum. 
Die ersten beiden Bilder sind mir etwas fremd, aber wenn es die Religion verlangt, habe ich kein Recht, das in Frage zu stellen. Ich will ja auch meinen Schleier tragen, ohne deswegen dumm angemacht zu werden.
Dann kommen zwei Bilder, mit denen ich mich auf deutschen Straßen (!) schwer tue: ich bezweifle, dass diese Kleidung wirklich noch den religiösen Vorschriften des Koran entspricht. Ich vermute (behaupten will ich das nicht, dafür kenne ich den Islam nicht gut genug), dass es hier mehr um kulturelle Identität und Tradition geht. Und da sind wir sofort bei der Frage: warum grenzen sich diese Menschen so deutlich von der kulturellen Identität unseres Landes ab? Warum wollen sie sich nicht anpassen, wenn sie in diesem Land doch leben wollen? Aber das sind Fragen, Unsicherheiten, keine Gewissheiten. Kann sein, dass ich damit jemandem Unrecht tue. Ich begegne selber auch immer wieder Menschen, die glauben, mich genau zu kennen - nur weil sie meinen Habit sehen. Darum ist es hier schwierig.
Bei der unteren Reihe der Bilder ist es dann einfacher: ich will sehen, mit wem ich es zu tun habe. Mir ist völlig egal, wie frei eine Frau ist oder sich fühlt, wenn sie voll verschleiert ist (und es gibt Frauen, die sagen, dass sie den Gesichtsschleier gerne tragen, weil sie sich dann erst richtig frei fühlen!) - ICH fühle mich latent bedroht, wenn ich jemandem begegne, dessen Gesicht vermummt ist. Und wenn ich mit jemandem spreche, dann möchte ich seine Mimik sehen. Ich diskutiere mit offenem Visier. Wenn muslimische Gesellschaften eine Hälfte ihrer Bevölkerung verhüllen oder zu Hause wegsperren, finde ich das traurig, aber es steht mir kein Urteil darüber zu. Doch in Deutschland will ich solche Vermummung auf keinen Fall.
Die Bilder lassen mich ein bisschen ratlos zurück. Aber sie zeigen mir auch klar die Grenzen meiner Toleranz: Religionsfreiheit - ja, unbedingt. Aber ich möchte den Menschen offen ins Gesicht sehen können.

Freitag, 1. August 2014

Interreligiöser Dialog

Gestern habe ich über die Islamisten und ihre Verfolgung der Christen geschrieben. Ich hatte meiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass auch der Islam sich für die heutige Zeit öffnen wird.
Damit tun sich auch die christlichen Kirchen zuweilen nicht leicht. Religion hat immer (!) mit Tradition zu tun, sie will das Bewährte bewahren, ist tendenziell also konservativ. Ja, ja: die eine mehr, die andere weniger, ich weiß... Auch die progressivste Kirche macht nicht alle Moden des Zeitgeistes mit, sondern ist in einer alten Lehre verankert, an der die Moderne gemessen wird. Allerdings schließt das einen Dialog mit der nichtreligiösen Welt nicht aus, das hat sich inzwischen herumgesprochen, in der katholischen Kirche spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vor 50 Jahren, immerhin.
Damals wurde die klare Richtlinie vorgegeben: Wir wollen zwar mehr als diese Welt, aber wir leben in ihr und alles, was in dieser Welt passiert, betrifft uns. Damals begann auch verstärkt der Dialog mit anderen christlichen Konfessionen und mit anderen Religionen. Auch Atheisten und Menschen, die keine besondere Meinung zur Religion hatten, kamen in neuer Weise als Gesprächspartner in den katholischen Blick.
Interreligiöses Friedenstreffen in Lissabon, 26.9.2000
Bildquelle: santegidio.org
Die Anführer aller großen Religionsgemeinschaften sind schon lange in Sachen Versöhnung aktiv. Dabei meinen manche, die drei monotheistischen Religionen müssten sich schwerer tun, denn wer glaube, dass es nur einen Gott gibt, der könne keine andere neben sich dulden. Das ist einerseits richtig. Andererseits hat sich die Menschheit seit dem Mittelalter weiterentwickelt und mit ihr die Theologie. Wer es will, der kann heute darauf kommen: wenn es nur einen Gott gibt, dann beten wir Christen denselben Gott an wie die Juden und die Muslime. Wir nennen ihn nur anders und haben andere Vorstellungen von ihm.Wer mit seinen Vorstellungen wie nah an die Wahrheit kommt, ist dabei eine andere Frage, aber es geht immer um denselben Gott, den einen.
Nicht alle wollen das sehen. Aber wir Christen kommen nicht um diese Erkenntnis herum. Es sagt unser Verstand (den wir ja schließlich von Gott haben), es sagen unsere Theologen, es sagen Papst und Bischöfe. Wird das irgendwann dazu führen, dass wir Frieden finden?

Donnerstag, 31. Juli 2014

Selbst schuld?

Im Moment ist viel von den verfolgten Christen die Rede - endlich! Wer sich für das Thema interessiert, der weiß, dass wir schon lange eine weltweite Christenverfolgung erleben, die schlimmer ist als alles, was die Geschichte bisher zu bieten hatte. 100 Mio Christen wurden im vergangenen Jahr wegen ihres Glaubens verfolgt, am schlimmsten ist es in Nordkorea.
Ausgebombte Kirche im Irak
Bildquelle: faz.net © Getty Images
Jetzt schafft es das Thema bis in die säkularen Medien, weil die Kämpfer der ISIS im Irak so massiv vorgehen, dass man von religiösen Säuberungen sprechen kann. Wer nicht zum Islam konvertiert, muss eine hohe Kopfsteuer bezahlen oder wird umgebracht. Dabei sind die Islamisten nicht zimperlich: Kreuzigungen sind durchaus eine mögliche Hinrichtungsart.
Wenn ich über dieses Thema schreibe, dann versuche ich immer, fair zu bleiben. Ich schätze den Islam. Es ist eine Religion der Barmherzigkeit, die große Kulturen hervorgebracht hat. Jetzt diesen Niedergang zu sehen, tut weh. Ihn zu verallgemeinern wäre fatal!
Trotzdem muss man die Dinge beim Namen nennen: In Iraks zweitgrößter Stadt Mossul gab es 1.800 Jahre lang immer Christen. Jetzt nicht mehr.
Und dann sagt mir in einer Diskussion auf Facebook jemand, ich solle vorsichtig sein mit meinem Urteil über diese Vertreibungen. In den heute christlichen Ländern hätten ja vorher auch Menschen anderer Religion gelebt - "wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen..."
Da musste ich doch mal kurz schlucken.
Zur Erinnerung: Die Diskussion ging aus vom Irak. Dort verlief die Christianisierung absolut friedlich (ähnlich übrigens in Syrien und Ägypten, wo die Islamisten momentan ja ähnlich stark wüten). Damals, 200 Jahre nach Christus, hatten die Christen ja keine Macht, sie waren eine unbedeutende Sekte, häufig selber verfolgt. Im Nahen Osten wurde das Christentum also einfach durch Werbung und Zeugnis ein fester Bestandteil der Kultur - und zwar mehrere Jahrhunderte (!), bevor Mohammed seinen ersten Atemzug tat, geschweige denn irgendjemand auf die Idee kam, ihn den Propheten zu nennen.
Ja, es stimmt, in Deutschland sieht es anders aus: Der Hl. Bonifatius hat z.B. den armen Germanen ihre dem Gott Donar geweihte Eiche gefällt und damit eine Kirche gebaut. Das war nicht nett von ihm. - Es ist aber auch schon 1.300 Jahre her. 
Und ja, auch das stimmt: die christliche Mission war v.a. in Lateinamerika und Afrika durch die Jahrhunderte hinweg immer wieder ziemlich unschön. (In Asien gibt es auch positivere Beispiele, Korea, die Jesuiten...) Ich will mich jetzt nicht in historischen Details verlieren, aber ich bin mir der Schuld meiner Kirche durchaus bewusst.
Und jetzt sehe und lese ich die Berichte der im Jahr 2014 zu Tode gefolterten Christen, der niedergebrannten Kirchen und all der Vertriebenen und soll mir sagen: "Selbst schuld? Haben wir ja früher auch gemacht"?????
Nein!
Ich denke, wir haben aus unserer schuldvollen Geschichte gelernt. Wir leben nicht mehr im Mittelalter, glauben nicht mehr, dass wir allein wissen, wie unsere Seelen zu retten sind. Zwangstaufen? Zerstörung nichtchristlicher Heiligtümer? Völlig undenkbar! Diese Entwicklung verdanken wir der Aufklärung.
Der Islam hat keine Aufklärung erlebt, und damit auch keine erzwungene Trennung von staatlicher und kirchlicher Macht. Das macht ihn für viele moderne Menschen so schwer verständlich. Doch auch im Islam gibt es liberale Kräfte, die eine Aufklärung anstreben. Ich hoffe sehr, dass sie sich durchsetzen werden.

Freitag, 25. Juli 2014

Stigma

Gestern habe ich vom arabischen Buchstaben "N" erzählt, der gerade auf Facebook als Zeichen der Solidarität mit den im Irak verfolgten Christen verbreitet wird. 
Ich wollte mein Profilbild nicht ganz ändern, sondern als Person erkennbar bleiben und so habe ich eine Kollegin gebeten, mir das "N" in mein normales Bild reinzukopieren. Als sie es zurückschickte, war ich überrascht, ich hatte es mir anders vorgestellt. Aber dann fand ich es genau richtig!
So erinnert es mich sehr an den Davidstern, den die Juden unter den Nazis tragen mussten, und ich finde diese Assoziation passend. Genau so ist das Zeichen ja gemeint, als Stigma, das den Feind kennzeichnet und ggfs. zum Töten freigibt. 
Sie müssen an die "Juden ins Gas"-Rufe denken, die vor wenigen Tagen in deutschen Städten zu hören waren? Genau! Überall und jederzeit sind wir in Gefahr, Menschen gruppenweise abzulehnen. Juden, Muslime, Christen, Israelis, Palästinenser... Hören wir auf damit!
Ein wenig Mut macht mir, dass dieses Zeichen von immer mehr Menschen geteilt wird, nicht nur von Christen, auch von Muslimen. Jeder macht mir Mut, der es wagt, gegen Fanatiker in den eigenen Reihen aufzustehen und zu sagen: Keine Gewalt.

Donnerstag, 24. Juli 2014

Nazarener

Auf Facebook verbreitet sich z.Zt. das arabische Zeichen für "N" sehr stark. Viele meiner Freunde haben es inzwischen als Profilbild. Es ist ein Zeichen der Solidarität mit den Christen im Irak. Dort haben die Kämpfer der islamistischen ISIS in Mosul alle Christen aufgefordert, zum Islam zu konvertieren oder eine Kopfsteuer zu bezahlen (die so hoch ist, dass normale Menschen sie nicht aufbringen können). Dann haben sie die Häuser der Christen mit diesem Buchstaben gekennzeichnet: N für "Nazarener", abfällig für Christen.
Seit 1.800 Jahren gab es immer Christen in Mosul, 400 Jahre also, bevor Mohammed, der später "der Prophet" genannt werden sollte, seinen ersten Atemzug tat. Jetzt gibt es dort keine Christen mehr. Sie sind in Panik geflohen. Alle.
Das macht mich traurig, wütend - und hilflos. Es gab auch Dominikanerinnen dort, ich kannte einige von ihnen. Ich weiß nicht, wie es ihnen jetzt geht, was aus ihren Schülerinnen geworden ist, und aus den anderen Menschen, um die sie sich sonst gekümmert haben. 
Was bleibt zu tun außer diesem kleinen Zeichen? Unterstützen wir unsere verfolgten Geschwister im Gebet - darum bitten sie selber immer wieder! Wichtig ist mir aber auch: lassen wir uns nicht auf islamophobe Hetze ein. Auch Muslime solidarisieren sich mit den verfolgten Christen und begeben sich dabei z.T. selber in Lebensgefahr. Wir, die wir selber nicht in Gefahr sind, müssen besonnen bleiben und klar unterscheiden zwischen den Muslimen, die den Christen gute Nachbarn und Freunde sein wollen - im Irak genauso wie in Deutschland - und den Fanatikern, die die Religion für ihre Politik missbrauchen, die laut und militant sind, aber häufig eine Minderheit darstellen und auch andere Muslime bedrohen.

Sr. Barbara

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Mittwoch, 4. Juni 2014

Ist Religion wirklich Privatsache?

 
Ausschnitt aus einem Wahlplakat
der Regensburger Kommunalwahl
Auf dem Katholikentag war ich bei einer Podiumsdiskussion zum Thema: "Mehr als Ideologie und Blasphemie? - Zum Streit um Religion im öffentlichen Raum".
Sehr spannend! Dürfen wir in Deutschland noch unbefangen zu unserem Glauben stehen, oder werden wir dann sofort angegriffen bzw. mindestens für bescheuert erklärt? Gehört Religion in die privaten vier Wände (Leutheusser-Schnarrenberger)? Oder ist die christliche Religion die Wurzel all der freiheitlichen Werte, auf die sich ausgerechnet diejenigen berufen, die die Religion am liebsten abschaffen möchten (Gerl-Falkowitz)? Überaus spannend war für mich auch, dass auf dem Podium 5 Christen unterschiedlicher Konfession und ein Moslem saßen (Ayman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland). Dieser sagte am Anfang noch, die Gesellschaft würdige die Religion und ihre Errungenschaften z.B. in der sozialen Arbeit zu wenig. Super! Aber was war das? Schwupps - drehte sich das Gespräch plötzlich praktisch ausschließlich um die Stellung des Islam in Deutschland. Ich war eigentlich gekommen, weil ich finde, dass ich als Katholikin und Ordensfrau immer wieder in Rechtfertigungsdruck gerate.
Gerade hatten wir die Diskussion ja für ganz Europa. Martin Schulz, Sie erinnern sich. Jetzt also auf dem Katholikentag der schwache Versuch eines halben Podiums, sich gegen ein aggressiv-liberales "Religion ist Privatsache" und einen freundlichen aber umso selbstbewussteren und dominanteren Islamvertreter zu behaupten. Entspricht das der gesellschaftlichen Realität in Europa?
Laut Radio Vatikan sind etwa 273 Mio (54%) der EU-Bürger römisch katholisch. Über 80 % der EU-Bürger gehören einer christlichen Konfession an: katholisch, evangelisch oder orthodox. 13-22 Mio Muslime gibt es in Europa, das sind also 2,5-4,4 %. Der Anteil der Konfessionslosen nimmt zu: es sind etwa 16%, genaue Zahlen gibt es nicht.
(http://de.radiovaticana.va/news/2014/05/20/eu:_kein_gottloser_zusammenschluss/ted-800733)
Bei diesen Zahlen lehne ich mich zurück und frage mich - worüber diskutieren wir eigentlich? Über eine Minderheitendiktatur?

Ökumene geht längst auf allen Ebenen!
Bildquelle: offizielle facebook-Seite des Katholikentages 2014
Warum haben die Christen das Gefühl, in einer zunehmend säkularen Gesellschaft um ihr Existenzrecht kämpfen zu müssen, während gleichzeitig der Islam Minderheiten-schutz genießt?
Sind die 16% Konfessionslosen zu aggressiv?
Werden wir tatsächlich von 4% Moslems überflutet?
Oder ist es vielmehr so, dass die Christen Europas sich nicht als Mehrheit wahrnehmen, weil ein großer Teil von ihnen den Glauben weder kennt noch praktiziert?
Hinzu kommt, dass die aktiven Gläubigen nur teilweise ökumenisch denken und leben, weil wir uns lieber in konfessionellen Grabenkämpfen verlieren. Haben wir immer noch nicht die Zeichen der Zeit erkannt? Können wir es uns heute wirklich noch leisten, unsere Geschwister in Christus verächtlich zu machen? Manche scheinen das zu glauben.
Und wenn wir mit den evangelischen und orthodoxen Nachbarn klarkommen, dann zanken wir uns ganz sicher innerhalb unserer eigenen Gemeinde: die "Ewiggestrigen" mit den "Altliberalen" und den "Kaputtreformierern" usw. Das gibt dann ein wirklich überzeugendes Bild der frohen Botschaft und der Jüngerschaft Christi!
Ja, ich gebe zu: Salafisten in deutschen Städten erschrecken mich.
Ja, auch der Satz "Religion ist Privatsache" aus dem Mund von deutschen Politikern macht mir Sorgen.
Nacht der Lichter
Bildquelle: offizielle facebook-Seite des Katholikentages 2014
Aber ich fürchte, dass wir vollkommen falsch ansetzen, wenn wir gegen die bösen Moslems und die schrecklichen Atheisten kämpfen. Wäre unser Zeugnis glaubwürdig, könnten uns weder die einen noch die anderen etwas anhaben. Schon die Urgemeinde in Jerusalem hatte es wahrhaft nicht leicht, doch sie hat alle Widerstände überwunden, denn:
"alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens. Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt." (Apg 2, 44-47) 
Ich bin sicher: je näher wir diesem Urbild christlichen Lebens kommen, desto weniger brauchen wir uns um unsere Rolle in Europa zu sorgen.

Freitag, 23. Mai 2014

Kreuz und Kopftuch


Ja, ich weiß, Martin Schulz hat es nicht so gemeint.
Er freut sich, wenn er am Wegesrand ein Kreuz sieht. Das ist schön.
Ich habe auch keine Sorge, dass Europa sich groß um sein Statement schert, denn die einzelnen Länder haben ihre individuellen Lösungen beim Verhältnis von Staat und Kirche - und das ist gut so.
Deshalb möchte ich - in Ermangelung einer besseren Wochenendbeschäftigung - den Gedanken auch nur für Deutschland zu Ende denken: wie sähe ein laizistisches Land aus? 
Den ersten Hinweis gibt mir - ausgerechnet! - die Türkei, denn die war noch bis vor kurzem wirklich laizistisch. Noch die Töchter von Herrn Erdogan hatten Schwierigkeiten damit. Fürs Studium gingen sie in die USA, weil sie dort an der Uni Kopftuch tragen durften - in ihrer Heimat nicht. Die Frau des Ministerpräsidenten, die so oft es geht Kopftuch trägt, begleitete ihn auf Auslandsreisen - im Inland musste sie manchem Termin ihres Mannes fernbleiben. (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/tuerkisches-kopftuchverbot-erdogans-toechter-studieren-in-den-usa-a-324130.html)
Nun könnten wir sagen: recht so! Das Kopftuch ist ein böses Symbol des politischen Islam, das gehört auch verboten, bei uns auch!
Und wenn dann jemand kommt und sagt: "nein, es ist ein Ausdruck  meiner Religion und nicht meiner politischen Einstellung"? Dann haben wir ein Problem. Denn religiöse Symbole zu verbieten, heißt ja dann auch: keine Lehrerin oder Erzieherin darf mehr ein Kreuz um den Hals tragen, geschweige denn eine Ordensfrau in Habit unterrichten. Darüber und über das Kreuz im Klassenzimmer hat es ja schon Gerichtsurteile gegeben.
Ich will jetzt nicht bis auf die Berge steigen und dort die Gipfelkreuze durch bekenntnisneutrale Markierungen ersetzen, aber was passiert z.B. mit unseren städtischen Friedhöfen? Müssen da dann Grabstätten, die noch Kreuze haben, umgestaltet werden? 
Was ist eigentlich mit den Krankenhäusern und Altenheimen, die von Ordensgemeinschaften aufgebaut wurden und später in staatliche Hand übergegangen sind? Müssen sie alle Spuren ihrer Gründung tilgen? 
Unser Brauchtum ist ja schon zum großen Teil säkularisiert. Nennen wir die Weihnachtsmärkte Wintermärkte, das ist ja eh schon hie und da geplant und streichen wir das Liedrepertoire zusammen ("Stille Nacht"? Aber nicht doch, ts, ts, ts...). Halloween lässt sich auch viel besser vermarkten als Allerheiligen (obwohl es ursprünglich das gleiche Fest war, aber die Amis haben den Bogen eben raus!). Muttertag geht in den Geschäften einfach besser als der Marienmonat. Gerade war Hasenfest, hat auch keiner gemerkt, dass die Christen da in die Kirchen gegangen sind. 
Allerdings die Kirchen, das ist wirklich ein Problem: erstens stehen sie in jeder Stadt unübersehbar religiös rum! Und zweitens feiern diese Christen auch noch immer wieder Gottesdienste im öffentlichen Raum! Mit Prozessionen! Und nächste Woche in Regensburg werden sie es wieder ganz doll treiben. Kann man das nicht verbieten?
Man könnte. Aber sind wir wirklich schon so weit? Ich denke nicht. Und ich weiß ja auch: Herr Schulz hat es gar nicht so gemeint.

Montag, 20. Mai 2013

Von Derwischen und anderen Tänzern

Hier ein weiteres Zitat aus Sr. Jordanas Buch "Auf einen Tee in der Wüste": sie ist immer noch in Konya bei den Sufis, erlebt also eine mystische Form des Islam (vgl.S.62-64):

"Dann betreten die Derwische, die Semazen, den runden Tanzplatz. Geführt vom Sheikh Effendi, dem Herrn und Oberhaupt des Ordens, schreiten sie in langer Reihe und mit langsamen Schritten über den Platz, der das Universum symbolisiert. [...] Schließlich fangen sie mit den Drehungen an, nicht alle zusammen, sondern einer nach dem anderen, wie ein Schwarm, der ausfliegt. [...] Nach einer Weile [haben sie] sich mit der Musik in Trance gedreht, die Köpfe sind geneigt, die Augen geschlossen. Aber sie stolpern kein einziges Mal, obwohl sie nichts sehen. [...]
'Ich kann nur tanzen, wenn du, Herr, mich führst', schrieb die Mystikerin Mechthild von Magdeburg in ihrem Buch Das fließende Licht der Gottheit, 'und falls du willst, dass ich den großen Sprung wage, singe du mir vor; dann springe ich in die Liebe, und aus der Liebe in die Erkenntnis, und aus der Erkenntnis in das Genießen, und aus dem Genuss über alle menschlichen Sinne hinaus - da will ich bleiben, wiewohl ich doch weiter kreise.'
Mevlana Dschalaluddin Rumi (islamischer Mystiker, der den Tanz der Derwische begründete) und Mechthild von Magdeburg waren Zeitgenossinnen, beide wurden im Jahr 1207 geboren. Welten lagen zwischen ihnen, sie konnten nichts voneinander wissen, doch wie ähnlich muss ihre Erfahrung gewesen sein, das begreife ich plötzlich. Nicht muslimisch, nicht christlich, nur in Gottes Umarmung."


Freitag, 17. Mai 2013

Christsein ist gefährlich

Heute abend war ich bei einem Treffen von Cursillo-Leitern.Sie geben Glaubenskurse, Cursillo ist eine internationale Bewegung. Hier im Ort ist nun sozusagen ein Treffpunk für eine regionale Leiterrunde - und die hat mich gebeten, ihnen einen geistlichen Impuls zu geben. 
Beim letzten Mal hatte ich ein biblisches Thema, aber diesmal musste ich einfach über MEIN Thema sprechen: die heutige Christenverfolgung. Weltweit sind 100 Mio Christen verfolgt, opendoors gibt jährlich einen Index heraus, in welchen Ländern es besonders schlimm ist. 
Natürlich sind das meiste islamische Staaten, aber nicht nur: an der Spitze steht seit Jahren unangefochten Nordkorea. Es ist nicht mal klar, wie viele Christen es dort überhaupt noch gibt, so heftig ist die Verfolgung und Unterdrückung.Die katholische Kirche "vermisst" seit den 50er Jahren über 100 Priester und Ordensleute in diesem Land. Die Antwort des Regimes war bis in die 80er Jahre: "Diese Personen sind uns völlig unbekannt." In den letzten Jahren antworten sie gar nicht mehr.
Unglaublich auch Eritrea: Die Bevölkerung besteht je zur Hälfte aus Christen und Moslems. Aber der politische Machthaber ist wohl leicht paranoid, jedenfalls betrachted er die Christen - wenn sie nicht haargenau tun, was mit der Regierung abgesprochen ist - als Bedrohung. Deshalb kommen die Katholiken in Eritrea einigermaßen klar (ihre Kirche ist offiziell anerkannt), während die evangelischen Freikirchen z.T. heftig verfolgt werden. Hier werden junge Christen sogar gefangen gehalten. Wer seinem Glauben abschwört, darf gehen, die anderen müssen die sengende Hitze am Tag und die Kälte der Nacht in Schiffscontainern aushalten. Nicht alle halten durch.
Bei den muslimischen Ländern finde ich am schlimmsten die Bedrohung der Konvertiten durch die eigene Familie. Wenn ein einzelner Moslem konvertiert, ist er oft einer enormen Belastung ausgesetzt oder muss seinen Glauben sogar heimlich leben. Das stelle ich mir sehr bedrückend vor. Etwas anderes ist es, wenn eine islamistische Sekte wie Boko Haram einen Anschlag auf einen Gottesdienst verübt. Das ist natürlich entsetzlich und traumatisch, aber es gibt auf solche Aktionen meist auch gute Reaktionen: muslimische Geistliche entschuldigen sich und erklären, diese Taten stünden nicht im Einklang mit dem Koran, muslimische Nachbarn solidarisieren sich und helfen, die Gemeinden sind stark im Glauben und ermutigen sich gegenseitig.
Wir hatten also heute abend ein schreckliches Thema. Trotzdem war es ein sehr gutes Gespräch. Denn mein Ziel war es, bewusst zu machen, was für einen Reichtum wir besitzen. Wir können unseren Glauben frei äußern und praktizieren! Halleluja!
Das verpflichtet aber auch. Wenn ich ein solches Geschenk bekomme, darf ich es nicht mit Füßen treten. Das bin ich denen schuldig, die sehnsüchtig darauf warten, wenigstens ein klein wenig davon zu bekommen. Die verfolgten Christen in aller Welt bitten um unser Gebet. 
Komm, Heiliger Geist! Stärke in uns den Glauben, vertiefe unsere Hoffnung, entzünde in uns die Liebe 
und gib den Machthabern dieser Welt Erkenntnis, Weisheit und Einsicht, dass sie deinen Willen tun!  

Donnerstag, 16. Mai 2013

Bilder im Kopf

Und dann der spannende Moment, wenn du mit deinem muslimischen Taufbewerber über Gottesvorstellungen sprichst und er plötzlich fragt: "Eigentlich darf man sich doch von Gott gar kein Bild machen, oder?"
Und du sagst: "Richtig, im Islam ist das verboten, und im Christentum... eigentlich... auch... aber..."

Dienstag, 14. Mai 2013

Auf einen Tee in der Wüste

Unsere Mitschwester Jordana hat eine Reise in den Nahen Osten gemacht und mit ihrer Freundin Iris Rohmann darüber ein Buch geschrieben: "Auf einen Tee in der Wüste". Ich will eigentlich keine Werbung für dieses Buch machen, aber ich finde einige Stellen so interessant, dass ich sie gerne zitieren möchte.
Zuerst habe ich das auf Facebook versucht - und einen Schwall empörter Kommentare geerntet. Jetzt werde ich es hin und wieder hier probieren. Hier habe ich mehr Platz, um auch mal den Kontext zu beleuchten - und die Chance ist größer, dass die Leute wenigstens zuerst lesen, was sie anschließend (gerne auch kritisch) kommentieren.

"Seit acht Jahren studiert Mehmet den Sufismus, und das ist sehr wichtig für ihn, wie er nun erzählt: 'Nach der Toleranz folgt die Liebe. Wenn du Gott liebst, liebst du die Menschen und umgekehrt. Das steht auch im Koran. Wir sind sieben Milliarden Menschen auf der Welt, und ich habe mich dafür entschieden, sie alle in meinem Herzen zu umarmen.'"
(Mehmet Akin, Konya, zitiert nach
Jordana Schmidt, Iris Rohmann "Auf einen Tee in der Wüste", Rowohlt-Verlag, S.56.)

Der Sufismus ist eine mystische Form des Islam. Ich finde das so spannend, dass Islam und Christentum, die doch manchmal so unterschiedlich scheinen, plötzlich ganz ähnliche Worte und Bilder finden, wenn sie mystisch werden.

"Der Mystiker Rumi hat erlebt, dass die Liebe die größte Kraft im Universum ist. Und dass alles mit allem in der Schöpfung durch diese Liebe verbunden ist. Der kleinste Wurm und der größte Berg. Der wahre Geliebte aber ist Gott. ... Es gab und gibt in allen Kulturen Lehrer wie Rumi, die wissen: In der Essenz laufen die Religionen auf Liebe hinaus, dann erst treten die Gesetze auf, die Formen, die Unterschiede. Solche Menschen ecken häufig an, und auch die Sufis wurden verfolgt. Die Liebe ist gefährlich für die Mächtigen."
(Auf einen Tee in der Wüste, S.56 f.)

Fortsetzung folgt...