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Dienstag, 30. Juni 2015

Mörder!

Ich weiß nicht, ob das Strafmaß "lebenslänglich" gut oder schlecht ist, zu oft oder zu selten verhängt wird und ob es mehr Alternativen geben sollte. Aber eines ist mir in der Diskussion um die geplante Strafrechtsreform klar geworden:
In allen anderen Artikeln des deutschen Strafgesetzbuches werden Handlungen verurteilt. "Wer das und das tut, wird so und so bestraft." Andere Länder machen das auch bei Mord so: "Wer einen Menschen tötet, wird bestraft mit..." Nur wir machen bei diesem einen Delikt, bei §211, eine Ausnahme: "Der Mörder wird ... bestraft."
Durch die Tagesschau habe ich erfahren, dass diese Formulierung von den Nazis stammt und ich fände es wirklich gut, wenn sie geändert würde. Nicht wegen der Nazis. Sondern weil ein Denken aus ihr spricht, das - unabhängig von der Naziideologie!!! - immer noch weit verbreitet ist: der Täter wird mit seiner Tat identifiziert. Du hast gemordet, du bist ein Mörder. 
"Ja, was denn sonst?" höre ich jetzt die Einwände. "Wer gemordet hat, ist ein Mörder, ist doch klar." Ja, das ist schon richtig. Aber es geht um die Festlegung eines Menschen auf seine Tat. Beispiel:
Dennis macht mit 24 Jahren einen schrecklichen Fehler. Er lässt sich in eine krumme Sache reinziehen und begeht einen Mord. Er wird zu lebenslänglicher Haft verurteilt und nach 20 Jahren wegen guter Führung wieder entlassen. In der Haft hat er seinen Schulabschluss nachgeholt und sich verändert. Er ist bei seiner Entlassung noch keine 45 Jahre alt. Natürlich ist er immer noch ein Mörder, aber er hat die Tat weit hinter sich gelassen. Er möchte von vorne anfangen. 
Jetzt ist die Frage, ob wir einen Menschen verurteilen, weil er gemordet hat, oder weil er ein Mörder ist. Das eine ist Vergangenheit, das andere ist Gegenwart und bleibt vor allem auch in Zukunft so. Diese Wahrnehmung lässt Dennis keine Möglichkeit, sich zu verändern und jemals wieder ein volles Mitglied unserer Gesellschaft zu werden. Im Grunde schließt sie auch die Vorstellung echter Reue aus.
Nun wird man natürlich sagen müssen, dass das Opfer schließlich auch keinen Neuanfang machen kann. Das ist zwar richtig, nur gilt das leider bei so manch anderen Vergehen auch, z.B. hätte Dennis betrunken am Steuer einen Unfall gebaut, könnte u.U. ebenfalls ein Opfer lebenslange Schäden davontragen. Trotzdem würde außer den Zeitungen mit den großen Buchstaben niemand Dennis dauerhaft als den Unfallfahrer bezeichnen (hoffentlich). Wenn er aufhört zu trinken, würde man bald sagen, dass da einmal ein furchtbarer Unfall passiert ist, dass Dennis einmal einen schrecklichen Fehler gemacht hat.
Mich beschäftigt das Thema, weil es den Kern unserer Spiritualität trifft. Wir Dominikanerinnen von Bethanien sind gegründet für Frauen, die im Gefängnis rechtskräftig verurteilt waren. Im Frankreich des 19. Jahrhunderts hatten sie nach ihrer Entlassung keine Chance auf eine echte Rehabilitation. Doch unser Gründer, der Dominikaner P. Johannes Josef Lataste merkte, dass einige von ihnen eine Berufung zum Ordensleben hatten. So gründete er unsere Gemeinschaft, in der es keine Rolle spielen sollte, wer eine belastete Vergangenheit hatte und wer nicht. Das ist bis heute so. Jeder Mensch bekommt bei Gott eine neue Chance, wenn er oder sie sich bekehrt und neu anfangen möchte. Es gibt viele große Heilige als Beispiele dafür: Maria Magdalena, Paulus, Augustinus...
Auch wenn wir kein Kapitalverbrechen begangen haben, so leben wir doch alle von der Barmherzigkeit Gottes. Wie könnten wir einem Mitmenschen, der seine Fehler bereut und neu anfangen möchte, die zweite Chance verweigern?

Sonntag, 14. Juni 2015

Kinder.Kunst.Festival.

Heute hatten wir unser großes Sommerfest. Was soll ich sagen? Es war einfach toll! Stimmung, Leute, Wetter - alles vom feinsten. Alle im Kinderdorf hatten sich was einfallen lassen und machten entweder zum Thema "Kinder.Kunst.Festival." Programm wie Steine sägen, Luftballontiere oder Theater, oder sie sorgten für das Drumherum, dass alle sich wohl fühlen konnten.
Natürlich gibt es auch Traditionen, die gepflegt werden müssen: Reinhard bot wie immer Floßfahrten auf unserem Weiher an, die Cafeteria war wieder auf unserer Terrasse vor dem Haupthaus und das Ponyreiten hinten im Schwesterngarten. Trotzdem war beim Thema Kunst auch da manches ein bisschen anders...
Danke allen, die das möglich gemacht haben!



Samstag, 18. April 2015

noch'n Jubiläum

Gerade erst ist unser großes Jubiläumsjahr vorbei, 100 Jahre Dominikanerinnen von Bethanien Venlo, da gibt es schon wieder was zu feiern. Gut, zugegeben, dieses Jubiläum ist ein bisschen bescheidener, aber wir wollen es nicht unterschlagen: heute vor fünf Jahren haben wir angefangen zu bloggen!
Der Anfang von "Bethanien bloggt" war recht einfach, und er liegt in Lettland. Obwohl von Beginn an als Gemeinschaftsblog geplant, liegt der Gründungsimpuls doch vor allem darin begründet, dass mir nach meiner Versetzung ins Ausland gelegentlich meine Freunde und Familie fehlten. Das merkt man dem ersten Artikel durchaus an. 
Inzwischen hat eine ganze Reihe Autorinnen mitgeschrieben, von einigen Kandidatinnen über Schwestern verschiedener Häuser und Mitglieder unserer Laiengemeinschaft bis zur Generalpriorin. Manche nur einen Gastbeitrag, manche haben "Bethanien bloggt" sehr intensiv mitgetragen und -gestaltet. Dadurch sind unsere Themen vielfältiger geworden, und ich möchte mich bei ihnen allen bedanken, die unser Blog möglich gemacht haben - v.a. bei Sr. Sara, Hannah und Heidrun, ohne die es "Bethanien bloggt" nicht mehr gäbe. Und schließlich gilt mein Dank - last but noch least - den Leserinnen und Lesern - die dem Ganzen hier überhaupt erst einen Sinn geben.
Ad multos annos!

Dienstag, 31. März 2015

Judas im Gefängnis


In dieser Fastenzeit bekommen wir via email täglich einen Implus von der bethanischen Laiengemeinschaft in den USA, Norfolk. Der größere Teil der Gemeinschaft ist inhaftiert, sie haben sich wirklich von den Ideen unseres Gründers P.Lataste berühren lassen, der uns Gottes Vergebung verkündet hat - wo wir auch immer sind, was wir auch immer getan haben - wenn wir nur umkehren. Den heutigen Impuls gebe ich ungekürzt weiter, weil ich ihn so ergreifend finde.
 
Dienstag, 31. März 2015: Dienstag der Karwoche
Im Evangelium von heute sind wir zwei Mal mit Verrat konfrontiert: Judas, der Jesus ausliefert und Petrus, der Jesus verleugnet. Vor ein paar Jahren wurde ich gebeten, an einem Passionsspiel in der Karwoche teilzunehmen. Ich habe den Kürzeren gezogen und wurde gebeten, den Judas zu spielen. Ich wollte weglaufen. Wer will schon den Judas spielen? Also wirklich! Aber ich hatte meinen Freunden und noch wichtiger auch Gott mein Wort gegeben, bei der Produktion zu helfen. Also habe ich meinen Text und meine Bewegungen auswendig gelernt. Ich habe geprobt und geprobt – und mich die ganze Zeit davor gefürchtet, was die Leute denken würden, wenn sie sehen, dass ich den Judas spiele. Dann kam der große Tag. Die Szene verlangte von mir, dass ich zu Jesus gehe und ihn umarme und zusehe, wie die römischen Wachen ihn packen und wegbringen, bevor ich von der Bühne renne. Als mein Stichwort kam, habe ich darum gekämpft mich zu bewegen. Ich war wie festgefroren, nicht vom Lampenfieber, sondern von der plötzlichen Erkenntnis, wie oft ich selbst Jesus schon verkauft habe aus Stolz, aus Habgier oder weil ich andere Sünden bedient habe. Es lässt sich nicht genau erklären, wie ich mich gefühlt habe, als ich mich durch die Szene bewegt habe. Als ich dann neben der Bühne stand, und mir den Rest des Stückes ansah, habe ich darüber nachgedacht, wie sehr ich auf mich selbst konzentriert war, als es auf die Aufführung zuging und wie wenig ich an Jesus gedacht habe – bis ich da stand Auge in Auge mit meinem Herrn, im Bewusstsein, dass ich ihn gleich verraten werde. Ich möchte das nie mehr wieder fühlen. Herr, ich bete, dass meine Aufmerksamkeit auf dich gerichtet bleibt, während ich versuche, dir zu dienen, nicht darauf, wie ich mich fühle, was ich will oder was ich denke, was die anderen von mir denken könnten. Hilf mir, niemals deine Liebe zu verraten – meine Rolle zu spielen nicht zu meinem eigenen Wohl, sondern zu dem meiner Schwestern und Brüder und natürlich für DICH.
James (Our Lady of Mercy Laiengemeinschaft im Gefängnis von Norfolk)
Bildquelle: Martin Jäger @pixelio.de

Sonntag, 26. Oktober 2014

Schwester Robusta zum zweiten...

Wie letzte Woche schon angekündigt, weisen wir hier ohne jede falsche Bescheidenheit darauf hin, dass die Abstimmungsphase zum Schwester-Robusta-Preis läuft.

Das Robusta-ArchivBis zum 15.November kann man bei Herrn Alipius und den Pimpfen seine Stimme abgeben. Wie das geht, erklären sie hier.
Eigentlich aber ganz einfach. In den Kategorien "Alltag" und "Mauerblümchen" wählt ihr "Bethanien bloggt", in allen anderen Kategorien werft ihr das Los oder nehmt einen Blog, der euch gefällt.
In diesem Sinne: dann mal fröhlich losgeklickt!

P.S.: ich bin ein paar Mal gefragt worden, wie man auf die Schaltflächen kommt. Zuerst auf die Kategorie klicken (Qualität, Zwerchfell, Alltag...), dann öffnet sich die Liste mit allen in dieser Kategorie nominierten Blogs. Da kann man dann seinen Favoriten anklicken, d.h. wählen - und geht dann zurück zur Übersicht und in die nächste Kategorie, usw..

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Buntes Multikulti - gegen den schwarzen IS

Mal ganz ehrlich: "Multikulti" war für mich immer ein etwas abwertender Ausdruck. Ein wenig schwang unterschwellig das mangelnde Problembewusstsein der Gutmenschen mit, die glauben, "irgendwie" haben wir uns doch alle lieb und können deshalb auch alle ganz toll miteinander leben.
Nun ist inzwischen wohl auch dem größten Sonnenblumen-Fan klar, dass das "irgendwie" nicht so ganz klappt. Auf deutschen Straßen demonstrieren sozusagen Delegierte der Kriegsparteien aller Welt gegeneinander, Verfolger und Verfolgte, sowie ihre Sympathisanten. Und oft genug bleibt es nicht beim Parolenschreien.
"Es soll kein Zwang sein im Glauben"
Sure 2, 257
Ist Multikulti deswegen tot?
Ich habe mich selber zum Gutmenschen erklärt und finde: nein! Multikulti ist super. Multikulti ist noch lange nicht tot, eigentlich fängt es gerade erst so richtig an. 
Und das finde ich vor allem deshalb, weil es keinerlei vernünftige Alternative gibt!
Wie komme ich darauf? Vorgestern haben wir in der katholischen Kita (deren Träger Bethanien ist) ein islamisches Fest gefeiert. Nein, nicht Ramadan oder sowas! Die Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde hatte eingeladen, gemeinsam einen Apfelbaum zu pflanzen und sich besser kennenzulernen.
Ich kannte sie schon von einer anderen Veranstaltung. Es ist eine moslemische Reformbewegung, weder Schiiten noch Sunniten, eine Minderheit, aber durchaus nicht unbedeutend. Sie setzen sich dafür ein, den wahren Islam bekannt zu machen und verteilen dafür nicht nur Schriften, sondern hatten auch Koranzitate auf bunte Fähnchen geschrieben (Kita-Fest!!!), die von der Friedens- und Freiheitsliebe des Islam Zeugnis geben.
Ich habe mich noch lange mit einigen von ihnen unterhalten. Sie sind verzweifelt über die Taten der IS-Fanatiker. "Das ist nicht der Islam" habe ich immer wieder gehört. Die Gemeinschaft kommt ursprünglich aus Pakistan, und als ich einem Mann sagte, die Christen würden dort so schlimm verfolgt, sagte er: "Wir auch."
Darum bin ich ab sofort für Multikulti. Gutmenschen aller Nationen und Kulturen - vereinigt euch!
Aber kommt man mit bunten Fähnchen der Verständigung an gegen schwarze Fahnen des Terrors? Ich habe kein Rederecht in der UNO oder im EU-Parlament. Also könnte ich schweigen. Oder jammern. Oder schimpfen! Aber lieber schwenke ich mein buntes Fähnchen da, wo man mich eben sehen und hören kann. Mehr nicht. 
Aber auch nicht weniger!

Freitag, 10. Oktober 2014

Da fehlt was

Neulich hatten wir einen kleinen Gottesdienst in unserer Hauskapelle. In seiner Ansprache nahm der Priester Bezug auf die Festmesse, die wir bei unserem Jubiläum gefeiert hatten. Danach hatte eine Schwester gesagt, die Messe sei ja wunderschön gewesen, nur habe etwas gefehlt: "Das sonnige Haus von Bethanien".
Das ist so etwas wie unsere inoffizielle Bethanien-Hymne und glücklicherweise haben wir sie dann später am Tag noch gesungen. Die Schwestern singen sie stets mit großer Hingabe.
Als Pater Manuel das erzählte, musste ich an eine Tante von mir denken, die nach meiner Ewigen Profess ganz enttäuscht war, weil wir als Heilig-Geist-Lied zwar den normalen Text von "Komm Schöpfer Geist" genommen hatten, aber eine etwas neuere Melodie. Die klassische Melodie fehlte ihr.
Eine Freundin hat mir bei der Vorbereitung der Christmette mal gesagt, ohne "Stille Nacht" würde es für sie gar nicht richtig Weihnachten. Ganz so geht es bei mir zwar nicht, aber auch ich könnte ähnliche Beispiele finden: Feste, die für mich erst richtig schön und voll werden, wenn ein bestimmtes Lied erklingt, Lieder, ohne die etwas Wesentliches fehlt.
Ich habe mich gefragt, warum das so ist. Schließlich kommt es doch eigentlich auf ganz andere Dinge an. Beim Jubiläum haben wir gefeiert, dass unsere Spiritualität 100 Jahre lang Menschen zum Leben geholfen hat. Ja, im sonnigen Haus von Bethanien - aber ist das Lied so wichtig?
Bei der Ewigen Profess wird der Beistand des Heiligen Geistes gewissermaßen herabgefleht. Mit welcher Melodie ist doch egal, oder?
An Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu, die Menschwerdung Gottes. Ist es wirklich so wichtig, mit welchem Lied wir das besingen?
Ja. Es ist wichtig! Denn mit der Musik werden Gefühle vermittelt, ausgedrückt und auch erzeugt. Und unser Glaube hat viel mit unserem Gefühl zu tun.
Ich selber bin ja eher ein Verstandesmensch. Ich will verstehen, was ich glaube und was die Kirche lehrt und ich halte nicht viel von Gefühlsduselei. Das schließt aber nicht aus, dass wir unseren Glauben ganz nah an uns heranlassen. Er sollte nicht nur unseren Kopf erreichen, sondern uns ganz erfassen, mit allem Fühlen und Sehnen. Gott will uns ganz, Er sollte uns nicht kalt lassen.
Und wenn uns Musik dabei hilft, na, dann ist es doch gut - oder nicht?

Montag, 29. September 2014

Freiwillige Todesstrafe

In Belgien bittet ein seit fast 30 Jahren inhaftierter Mann um Sterbehilfe. Verschiedene Zeitungen (z.B. die Rheinische Post) berichten heute darüber und beleuchten das Thema ausführlich. 
Als 20jähriger hatte er eine Frau vergewaltigt und ermordet und war zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er wurde "interniert", was etwa der deutschen Sicherheitsverwahrung entspricht, allerdings kam es praktisch nicht zu den Therapien, die mit dieser Maßnahme eigentlich verbunden sind - obwohl der Gefangene selber sich mehrfach darum bemüht hatte. Frank van den Bleeken leidet unter sexuellen Wahnvorstellungen und möchte jetzt lieber sterben, als so weiterleben wie im Moment.
Belgiens Gesetze erlauben aktive Sterbehilfe in vielen Fällen, das wäre mal einen eigenen Artikel wert, ist aber jetzt nicht mein Thema. Mir geht es heute um etwas anderes. Die Rheinische Post formuliert es so:

"Darf ein psychisch kranker Häftling per Todesspritze seiner Haft entkommen?" und schreibt weiter: "Die Hinterbliebenen des Mordopfers haben dafür kein Verständnis. 'Er soll in seiner Zelle sterben', sagte die Schwester des Opfers dem Blatt 'Het Laatste Nieuws'."

Dazu kommt mir zweierlei: Die erste Frage klingt fast so, als wolle Frank van den Bleeken aus der Haft fliehen. Ist das so? Kommt er wirklich zu leicht davon, wenn er nach 30 Jahren Gefängnis getötet wird?
Zum anderen die Reaktion der Hinterbliebenen: Eine Vergewaltigung kann man nicht ungeschehen machen, einen Mord sowieso nicht. Es gibt in einem solchen Fall also keine Wiedergutmachung, im konkreten Fall Frank van den Bleeken geht es nicht mal um die öffentliche Sicherheit, denn er wird so oder so bis zu seinem Tod gefangen sein. Worum geht es also? - "Er soll in seiner Zelle sterben". Damit ist wohl gemeint, er solle möglichst lange ein möglichst schweres Leben haben. Klingt für mich nach Rache.
Es klingt danach, dass einem Menschen keine 2. Chance gegeben wird, nicht mal wenn die darin bestünde zu sterben.
Ich finde Sterbehilfe schrecklich, aber die Vorstellung, dass dieser Mann gezwungen werden soll, lebenslang seine Wahnvorstellungen zu ertragen - ohne dass ihm jemand dagegen hilft - weckt mein bethanisches Selbst. Pater Lataste ist damals im Frauengefängnis von Cadillac vielen Frauen begegnet, die so verzweifelt über ihre Schuld und ihre Perspektivlosigkeit waren, dass sie sich umbringen wollten. 
Seine Antwort war, ihnen von der Barmherzigkeit Gottes zu erzählen. Wer seine Taten bereut und neu beginnen will, den weist Gott nicht zurück. Niemals. Vor Gott zählt die Gegenwart, nicht die Vergangenheit. Auf viele der Frauen hat das wie eine Befreiung gewirkt, auch wenn sich äußerlich nichts änderte.
Es zeigt uns aber auch, wie weit wir noch von Gott entfernt sind, wenn wir nicht verzeihen können. Versuchen wir doch, Ihm ähnlicher zu werden!

Donnerstag, 25. September 2014

Die 100jährige - hat gefeiert!


Also, jetzt ist unsere Geburtstagsfeier schon eine Woche her und ich hab Dir immer noch nicht die Bilder gezeigt! Hier, schau mal: es war richtig schön! Zuerst haben wir Messe gefeiert in einer kleinen Kirche in Nunhem. Da haben wir gerade so eben alle reingepasst: 120 Schwestern. Im Altarraum war noch ein bisschen Platz übrig, da haben wir noch ein paar Priester eingeladen, damit es da vorne nicht so leer ist. Nein, nur Spaß. Vier Mitbrüder waren da: P. Karl, P. Diethard, P. Manuel und P. Marc und dazu lieber Freund von den Redemptoristen: Jan Hafmans. 
Wir haben ein neues Lied gesungen, das zwei unserer Schwestern geschrieben haben, inspiriert von einer Predigt von Pater Lataste: "Ich habe Wunder gesehen". Und dann mussten wir bei den Fürbitten nochmal sehr kreativ werden: Vorne stand unser Wappen aus Pappe. Das gleiche Wappen hatte eine Vorbereitungsgruppe vorher zu Puzzleteilen zerschnitten und jedem Konvent (Hausgemeinschaft) ein Teil gegeben. Darauf haben wir dargestellt, wofür wir nach 100 Jahren Bethanien dankbar sind. Und das haben wir dann wieder zum Wappen zusammengesetzt und dabei auch laut gesagt.
Nach der Messe sind wir in ein Lokal gegangen, haben gegessen und ein bisschen Programm gehabt. Und zum Abschluss sind wir auf den Friedhof des Mutterhauses gefahren, in Venlo. Das ist immer ganz komisch, denn wir mussten das Mutterhaus aufgeben: wir können in Venlo nur noch auf den Friedhof. Aber wir machen dort jedes Jahr eine Gräbersegnung und so haben wir auch diesmal eine schöne kleine Feier hingekriegt. Wir haben auf jedes Grab eine Rose gelegt und natürlich mit dem "Salve Regina" und dem "O lumen" - den lateinischen Gesängen zu Maria und zum Heiligen Dominikus - geendet.

P.S.: MEHR BILDER GIBT ES BALD IN UNSERER JUBILÄUMS-BILDERGALERIE!!!!

Mittwoch, 24. September 2014

Bethanische Erziehung

Neulich habe ich mal wieder Else getroffen. Also eigentlich heißt sie anders, aber ich vermute, es wäre ihr nicht recht, hier in der Öffentlichkeit präsentiert zu werden.
Else ist in einem unserer Kinderdörfer aufgewachsen. Mit großer Zuneigung hält sie ihrer Kinderdorfmutter Sr. Anna (auch die benenne ich jetzt mal um) die Treue, jetzt schon seit Jahrzehnten, auch noch obwohl Anna längst etwas dement ist.
Als Else erwachsen wurde, ist sie natürlich aus dem Kinderdorf ausgezogen und hat sich ein normales, selbstständiges Leben aufgebaut. Aber irgendwann kam sie zurück zu uns. Als Mitarbeiterin. Nein, sie ist keine Erzieherin und auch nicht in der Verwaltung oder gar Leitung. Sie gehört zum Fundament oder ist sowas wie der Mörtel, der das Fundament erst stabil macht: Else gehört zu unseren Hauswirtschafterinnen, jetzt schon viele, viele Jahre.
Und so laufen wir uns immer mal wieder über den Weg, grüßen uns, plaudern ein wenig.
Neulich also kam sie und fragte mich, ob wir nicht Birnen haben wollten. Sie hätte so viele. Oh ja, danke, das ist aber nett!
Eine Woche später traf ich sie wieder. "Die Birnen waren lecker, nochmal danke!" "Wollt ihr auch Birnenmarmelade?" "Aber Marmelade ist doch haltbar. Wollen Sie die nicht lieber selber behalten? Oder wir kaufen sie Ihnen ab. Birnenmarmelade ist doch kostbar!"
Da sagt Else doch tatsächlich sehr bestimmt: "Nein. Ich teile gerne. Und für Geschenke nimmt man nichts. Das macht man nicht. Machen Sie mir nicht meine bethanische Erziehung kaputt." Und lacht mich dabei strahlend an.

Dienstag, 16. September 2014

Meine lieben Schwestern!

Im Jahr 1864, also vor 150 Jahren, wurde ein junger französischer Dominikaner damit beauftragt, in einem Frauengefängnis in Cadillac dreitägige geistliche Exerzitien zu halten.
Er hatte keine Lust dazu, sogar Vorurteile diesen Verbrecherinnen gegenüber. Doch er hatte keine Wahl, ging hin - und erlebte eine Offenbarung. Die Frauen waren keineswegs verstockt und verdorben. Es waren Frauen, die gesündigt hatten, aber oft waren sie auch Opfer. Häufig gab es z.B. den Fall, dass ein junges Dienstmädchen von ihrem Herren vergewaltigt worden war. Wenn sie dann schwanger wurde, wusste sie in der Verzweiflung meist nicht, was sie tun sollte. Manche töteten dann in ihrer Not das Neugeborene. Diese saßen nun hier. Verzweifelt, von der Gesellschaft verdammt, sich ihrer Schuld wohl bewusst.
Der junge Priester erkennt, dass sie keine bösen Menschen sind - und spricht ihnen Mut zu. Er macht ihnen Hoffnung, dass Gott auch ihren guten Willen erkennt. Er sagt ihnen, dass Gott denen einen Neuanfang ermöglicht, die ehrlich bereuen - auch wenn die Gesellschaft es vielleicht nicht tut. Erster Ausdruck dieser neuen Haltung ist die Anrede in der ersten Predigt: der Pater nennt die Frauen "Meine lieben Schwestern". Vor Gott sind wir auf Augenhöhe, der Priester und die Zuchthäuslerin, wenn wir nur wahrhaft Gott suchen und lieben.
150 Jahre ist ein Jubiläum, das man nicht ignorieren darf. Weltweit begehen alle, die sich mit der Spiritualität dieses Dominikaners verbunden fühlen, in diesen Tagen Exerzitien nach den Texten, die Pater Jean Joseph Lataste damals den Frauen in Cadillac predigte. Inzwischen gibt es Gemeinschaften in ganz Europa und in Amerika, Frauen und Männer, Schwestern und Laien, im Kloster, in der Welt und im Gefängnis - eine große Familie von Bethanien.

Sonntag, 14. September 2014

Die 100jährige schneidet die Torte an

Ja, ja, heute ist es dann wohl soweit. 
Heute vor genau 100 Jahren, am 14. September 1914 kamen wir im Kleinen Häuschen in Venlo an. 22 junge Mädchen, verwirrt von der Flucht, dem gerade begonnenen Krieg und der Trennung von ihrer Novizenmeisterin.
Und heute? Heute sind wir etwa 120. Wir waren zwischendurch mal mehr, aber so richtig riesig ist Bethanien nie gewesen. Wir sind älter geworden und ruhiger, gelassener. Aber immer wieder brechen wir auch neu auf. 
Ich habe Dir schon von den deutschen Kinderdörfern erzählt. Das war aber nicht alles, was wir in Deutschland gemacht haben. 
1977 sind vier von uns nach Frankfurt gegangen und haben dort eine kleine Gemeinschaft mitten in der Großstadt gegründet. Wir wollten möglichst nah bei den Menschen sein.
1988 sind wir nach Aldenhoven gegangen, im Bistum Aachen. Da ging es darum, eine geistliche Zelle innerhalb der Pfarrgemeinde zu sein und außerdem Frauen in Not aufzunehmen.
Als der Eiserne Vorhang fiel, sind wir nach Leipzig gegangen - und nach Lettland! In Leipzig waren schon vorher unsere dominikanischen Mitbrüder. Wir haben eine Weile zusammengelebt, als geschwisterlicher Konvent, später hatten wir dann ein eigenes Haus. 
Der Konvent in der lettischen Hauptstadt Riga macht alles zusammen: Gemeindearbeit und Sozialarbeit, Frauen in Not und Ordenspräsenz in einer vom Sozialismus geprägten Großstadt.
Im Jahr 2000 gingen drei Schwestern nach Essen - in die Pfarrei, die Gefängnisseelsorge und die Krankenhausseelsorge.
Bei der Seligsprechung von P.Lataste in Besancon, 2012
2008 bezogen drei Schwestern in Frankfurt-Rödelheim ein leerstehendes Pfarrhaus, um sich dort in der Pfarre und für Frauen in Not zu engagieren.
Und schließlich haben wir 2013 eine neue Gemeinschaft in Meckenheim bei Bonn gegründet - für unsere älteren Schwestern, die Pflege brauchen.
Die meisten der ganz kleinen Gemeinschaften mussten wir inzwischen wieder schließen. Aber sie haben eine Zeitlang ihren Dienst getan, zum Heil der Menschen - so hoffen wir jedenfalls.
Jetzt sind wir also noch in den Niederlanden, Deutschland, Italien und Lettland. Zu unseren französischen Schwestern haben wir inzwischen wieder guten Kontakt. Zuletzt haben wir 2012 sogar groß miteinander gefeiert: in Besancon, als unser Gründer Pater Lataste selig gesprochen wurde. Da waren 5.000 Menschen.
Wenn wir heute feiern, sind wir nur 120, das ist besser. Schließlich sind wir nicht mehr die Jüngsten! Ich hoffe, Du verstehst das... Aber schön, dass Du mir so lange zugehört hast. Ich sag dir was: ich mache heute nachmittag ein Foto von unserer Feier, und das zeig ich dir noch, in Ordnung?
Gut. Dann bis nächste Woche! 

Freitag, 5. September 2014

Wer's glaubt...

Sel. P. Jean Joseph Lataste
5.9.1832 - 10.3.1869
...wird selig.
Diese Redensart klingt so spöttisch. Man könnte dabei an einen armen Trottel denken, der nur deshalb so selig lächelt, weil er zu naiv ist, die Realität zu verstehen - nämlich z.B., dass er gerade nach Strich und Faden betrogen wird.
Und was wäre, wenn einer die Realität genau verstünde und ganz klar sähe - und trotzdem glaubte?
Was wäre, wenn einer in einem Frauengefängnis stünde und ganz genau wüsste, dass er Verbrecherinnen vor sich hat - und wenn er dann trotzdem glaubte, dass auch diese Frauen nach ihrer Haft noch einmal eine neue Chance bekommen sollten?
Was wäre, wenn dieser Mann genau wüsste, dass die Frauen vor ihm gesündigt haben - und wenn er trotzdem glaubte, dass Gott auch zu ihnen sagt, was Jesus schon zur Ehebrecherin gesagt hat: "Ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr"?
Was wäre, wenn dieser Priester klar sähe, dass er keine Heiligen vor sich hat, aber wenn er trotzdem glaubte, dass Gott jede dieser Frauen zu einer Heiligen machen könnte?
Was wäre, wenn dieser Dominikaner realistisch genug wäre zu wissen, dass die Menschen diesen Frauen keine zweite Chance geben werden - und wenn er trotzdem glaubte, dass Gott einige von ihnen zum Ordensleben beruft?
Was wäre, wenn dieser Pater Lataste genau sähe, wieviele Widerstände es gegen seine Idee gibt - und wenn er trotzdem eine neue Ordensgemeinschaft namens Bethanien gründete, in der strafentlassene und unbescholtene Frauen verwechselbar zusammen als Schwestern lebten?
Was wäre dann?
Tja, dann wäre dieser Pater Lataste selig - und er hat all das getan und geglaubt.
Heute ist sein Geburtstag. Normalerweise feiert man in unserer Kirche ja den Todestag ("Geburtstag im Himmel"), doch das ist bei Pater Lataste der 10. März, der meistens in die Fastenzeit fällt. Das darf aber bei einem Seligen nicht sein, daher wurde der Gedenktag mit der Seligsprechung im Jahr 2012 auf den fünften September verlegt. 
Herzlichen Glückwunsch! Wer glaubt, wird eben doch selig!

Montag, 1. September 2014

Erntezeit

Ich kann es nicht lassen.
Ich finde den Sommer toll und ich liebe den Spätsommer und den Herbst.

Da zeigt die Natur, wieviel Kraft sie hat und wie fruchtbar sie ist.
Schade, dass das viele gar nicht mehr wahrnehmen können.

Kinder kommen nur noch selten in Berührung mit der Natur. Viele wissen nicht einmal, was für Früchte sie essen, wie sie heißen, geschweige wo und wie diese wachsen.

Das ist sicher gerade so, weil Eltern und Kinder nur noch in Supermärkten einkaufen und den Bauern nebenan so gut wie gar nicht kennen.
Oft habe ich erlebt, dass die Kinder, selbst wenn sie auf dem Land leben, den Bauern um die Ecke nicht mehr kennen.

Viele Bäume werfen ihre Früchte nun  ab, ohne dass jemand diese aufsammelt und verarbeitet.
So auch in dem Dorf, wo dieser Apfelbaum steht.
Er steht auf dem Grundstück meiner Schwester in einem kleinen Dorf.
Dort gibt es viele Obstbäume an den Feldern und Wiesen.
Gerade jetzt tragen auch die Pflaumenbäume ihre Früchte.
Selten kann man jemanden sehen, der die Pflaumen erntet. Schade finde ich das.

Der Apfelbaum meiner Schwester ist mehr als 100 Jahre alt.

100 Jahre!!!

Was der wohl alles gesehen hat!
Auch die Dominikanerinnen von Venlo werden in diesem Jahr 100.


Der Baum hat sicher viel erlebt und könnte viel erzählen.
Viel Gutes und viel Schlechtes, Merkwürdiges, Freudiges.....
Und doch!
Er lebt nach wie vor und bringt Jahr um Jahr seine Früchte hervor.

Die Dominikanerinnen haben nun auch ein erstes Jahrhundert geschafft und sind vielen Menschen Orientierung, Hoffnung und Nahrung gewesen.
Seelische Nahrung.

Vor einigen Jahren war ein Gärtner in diesem Garten, um den Baum zu beschneiden, damit er gestärkt wird und weiterhin gute Früchte trägt.

Der Gärtner erfreute sich so an diesem Baum, dass er fragte, ob er sich aus diesem Baum einen Ast schneiden kann, um für sich einen Baum daraus zu ziehen.
Er hat es gemacht und  nun wächst an anderer Stelle ein Ableger dieses Baumes, der andere Menschen erfreut.

So wie die Dominikaneriinen, die an unterschiedlichen Orten ihrem Apostolat folgen und Menschen begleiten. Die ihnen Stütze, Halt, Hoffnung, Freude und Nahrung sind.

Und wer weiß,
vielleicht erwächst aus diesem Apostolat heraus dann auch ein Ableger, der an einem anderen Ort wachsen und reifen kann, um seine Früchte großzügig weiter zu geben.

Donnerstag, 28. August 2014

Die 100jährige baut und baut...

Hallo, da bist du ja wieder, das ist aber schön!
Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja: Refrath! Manche sagen auch Bensberg. Wir haben das Kinderdorf damals genau auf die Grenze zwischen diesen beiden kleinen Orten gebaut - heute gehören beide zu Bergisch Gladbach.
Jedenfalls ging es wie in Schwalmtal-Waldniel und Eltville-Erbach auch: Mutter Imelda kaufte das Land, dann kamen wir Schwestern, bauten das Kinderdorf, und 1968 kamen dann die ersten Kinder. Ein Unterschied zu den anderen beiden Orten war aber, dass es in Refrath kein Haupthaus gab, das mit dem Gelände übernommen wurde, sondern nur Wald. So hatten wir die Möglichkeit, das ganze Kinderdorf architektonisch aus einem Guss zu gestalten. Gottfried Böhm machte den Entwurf, nach dem alle Häuser in der Form einer Schnecke gebaut wurden - im Zentrum die Kirche als ein großes Zelt. Böhm baute mit viel Beton und möglichst ohne rechte Winkel, seine Gebäude sind oft voller Symbolik. Das muss man nicht mögen, aber unser Kinderdorf ist jedenfalls was ganz Besonderes, warte, hier ist ein Bild.
Das Bethanien Kinderdorf in Bergisch Gladbach-Refrath:
1968 kamen die ersten Kinder
Am Anfang hatten wir in Refrath Platz für 120 Kinder und Jugendliche. Sie lebten damals in 11 Familien, die jeweils von einer Schwester geleitet wurden. Meine Güte, ich werde fast wehmütig, wenn ich daran denke.
Später haben wir dann zwei Außenwohngruppen gegründet und die Gruppen innerhalb verkleinert, es kamen die ersten Leiterinnen, die keine Schwestern waren, es entstanden die heilpädagogischen Tagesgruppen, und überhaupt hat sich eigentlich ständig irgendwas verändert. So ist wohl das Leben.
Das Bild hier ist aus den 60er Jahren - aber ein bisschen gepfuscht: es ist Sr. Gaudete, die war in Waldniel, nicht in Refrath. Unglaublich, dass wir damals noch in Habit mit den Kindern spazierengingen, nicht wahr? Aber das war halt normal. Unpraktisch, aber keiner hat sich was dabei gedacht. Später haben wir dann angefangen, normale Straßenkleidung - "Zivilkleidung" - zu tragen, damit man den Kindern nicht sofort ansah, dass sie im Heim groß werden. 
Sr. Gaudete:
"Wer kommt in meine Arme?"
Was meinst du? Ob wir noch mehr Kinderdörfer haben? In Deutschland nicht. Wir hatten eine ganze Reihe in den Niederlanden, in Belgien und eines in Italien. Wir waren sogar in Übersee und hatten unsere Häuser in den USA, Kanada und auf Aruba. Das waren nicht immer Kinderdörfer, oft haben wir auch mit jungen Mädchen oder in Gefängnissen gearbeitet, je nachdem... Inzwischen mussten wir fast alles wieder zumachen. Wir sind einfach nicht mehr so jung und so viele wie in den 60ern, verstehst du? Kinderdörfer haben wir jedenfalls nur noch die drei in Deutschland, und die werden jetzt ganz von Mitarbeitern geleitet. Klar, wir helfen noch mit, so gut wir können, es sind ja schließlich immer noch die Bethanien Kinderdörfer, und das sollen sie auch bleiben, nur können wir einfach nicht mehr die ganze Arbeit machen wie früher.
Man kann viel Gutes tun, auch wenn man nicht gleich ein ganz großes Werk auf die Beine stellen kann. Wir haben das immer wieder versucht, aber ich glaube, davon erzähle ich dir beim nächsten Mal. In Ordnung?

Mittwoch, 20. August 2014

Die 100jährige zieht gen Süden


Grüß Dich! Wo waren wir letzte Woche stehen geblieben? Ach ja, ich hatte von Waldniel erzählt. Das war unser erstes deutsches Haus - aber damit ging es eigentlich erst los. Mutter Imelda Esser war eine sehr rührige Generalpriorin. Mit ihrer Stellvertreterin Mutter Magdalena Nouwen ist sie durchs ganze Land gereist, um geeignete Häuser und Grundstücke für uns zu finden. Die beiden hatten ganz schön... wie sagt ihr jungen Leute? Power!
Na, jedenfalls kam 1960 die Diözese Limburg, der Caritasverband und das Landesjugendamt Wiesbaden und baten Mutter Imelda, ein Kinderdorf in Hessen zu bauen. Du erinnerst dich: in Waldniel waren gerade 1956 erst die ersten Kinder gekommen, fünf Häuser waren fertig, weitere in Planung, ebenso die Kapelle und das Schwesternhaus. Und in diese Bau- und Planungsphase hinein sagt Mutter Imelda: "Gut, warum nicht? Gehen wir nach Hessen!" 
Mutter Imelda mit ihrer Assistentin Mutter Magdalena:
auf zu frischen Taten!
Im Dezember 1960 kauft sie das Landhaus "Marienhöhe" in Erbach (das gehört heute zu Eltville) bei Wiesbaden. Wir sind mit drei Autos runtergefahren, das war 'ne ganz schöne Strecke vom Niederrhein in den Rheingau! Am 22. März 1961 war dann der offizielle Gründungstag des Konventes, und dann haben wir das Kinderdorf gebaut.
Es ist kleiner geworden als Waldniel, da oben in den Weinbergen ist nicht so viel Platz, aber immerhin 5 Häuser sind es doch geworden. Am 1. April 1965 kamen die ersten Kinder. Bald hatte jede Gruppenschwester 12 bis 15 Kinder im Haus, insgesamt waren es Ende 1966 schon 69.
Das war ein bisschen zu viel, die Heimreform erfasste auch uns, und 1974 durften wir nur noch 50 Kinder haben. Weil es aber leider einen viel zu großen Bedarf an Plätzen in Kinderdorffamilien gab und gibt, hat sich das danach immer mal wieder geändert. Wir haben Außenwohngruppen dazubekommen und so. Aber das war später und du wolltest ja wissen, wie es angefangen hat.
Luftaufnahme des heutigen
Bethanien Kinderdorfes Eltville-Erbach
A propos Anfang: Noch in der Anfangsphase von Erbach ging Mutter Imelda das nächste Projekt an, das Kinderdorf in Dahlheim-Röttgen, im Bistum Aachen. Aber darüber mag ich nicht so gerne reden, das hat nämlich nicht lange gehalten, dann mussten wir wieder da weg. In Dahlheim waren wir nur 10 Jahre: von 1962 bis 1972. Erfolgreicher war da schon das Bethanien Kinderdorf in Bergisch Gladbach-Refrath - aber davon erzähle ich dir nächste Woche...


Freitag, 15. August 2014

Die 100jährige kommt nach Deutschland

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja: ich wollte dir erzählen, wie wir von Venlo nach Deutschland kamen. 
Das war 1951/52, da fand Mutter Imelda in Waldniel (heute Schwalmtal) am Niederrhein, also nicht weit von der holländischen Grenze, ein Schlösschen mit dem Namen "Haus Clee". Das Bild hab ich dir letzte Woche schon gezeigt, erinnerst du dich? Es war eigentlich viel zu nobel für ein Kloster, denn es hatte eine lange Geschichte als Rittergut und war zuletzt von Kommerzienrat Kaiser (Gründer und Inhaber von "Kaisers Kaffee") umgebaut worden. Aber der Preis war günstig und Mutter Imelda wollte den dazugehörigen Park haben - für das erste deutsche Bethanien Kinderdorf.
Im "Mädchenheim" konnten die Mädchen eine
komplette Ausbildung erhalten.
Am 1.Januar 1952 sind wir dann eingezogen und schon im März kam das erste Mädchen für das "Mädchenheim". So wurde die Abteilung genannt, wo die jungen Mädchen und Frauen wohnten und arbeiteten, die uns zugewiesen wurden. Eine Ausbildung z.B. zur Näherin konnten sie bei uns auch machen.
Parallel wurden die ersten Häuser für das Kinderdorf gebaut, rund um die Kaiservilla herum. 1956 kamen die Kinder für die ersten beiden Kinderdorffamilien, geleitet von Sr. Gaudete und Sr. Helene. Dann folgten rasch weitere, bald standen die ersten fünf Häuser: Sonnen-, Tannen-, Sternen-, Ähren- und Wiesenhaus.
Die Kinder waren nicht nach Alter und Geschlecht sortiert, sondern lebten in den Gruppen wie in echten Familien. Das war damals noch sehr neu.
Das Eingangstor zum
Bethanien Kinderdorf
in Schwalmtal-Waldniel
1961 kam dann der erste Mitarbeiter. Wir fanden schon früh, dass unsere Kinder auch Männer als Vorbilder und Ansprechpartner brauchen - aber woher nehmen und nicht stehlen? In jedem Haus arbeitete eine "Gruppenschwester" und eine zweite Schwester zum ablösen und zur Hilfe - bei durchschnittlich 15 Kindern und Jugendlichen. Zuerst haben wir durch private Kontakte für jedes Haus eine Art Patenonkel gefunden, na, und dann kam eben 1961 "Onkel Willi", der erste Mitarbeiter, heute würde man ihn wohl einen Freizeitpädagogen nennen.
Gleichzeitig wurde eine Kapelle gebaut und ein echtes Schwesternhaus, denn wie gesagt: die Villa war als Kloster eigentlich gar nicht geeignet und wir wurden auch immer mehr. Über 40 Schwestern waren wir damals in Waldniel! Da war echt was los! 
Jetzt könnte ich noch viel über Schwalmtal-Waldniel erzählen, aber ich glaube, für heute reicht's. - Was meinst du? Ob wir von Waldniel aus noch weitergezogen sind? - Ja klar, wir haben noch viele andere Häuser in Deutschland gegründet. Aber davon erzähle ich dir nächste Woche.

Donnerstag, 7. August 2014

Die 100jährige erzählt weiter...

Oje, ich hab doch im Mai versprochen, dir zu erzählen, wie wir von Venlo nach Deutschland gekommen sind, aber ich hab dich ganz vergessen. Das kommt bei Hundertjährigen schon mal vor, dass sie was vergessen... Na, jetzt aber!
Wir hatten also 1914 im Kleinen Häuschen angefangen und ein Jahr darauf schon mit dem Bau des Mutterhauses begonnen. Wir haben uns immer schon - von der Gründung in Frankreich an - um strafgefangene Frauen gekümmert. Das ist unsere ureigene Aufgabe. Dabei geht es auch darum, Frauen nach der Haft eine echte Rehabilitation zu ermöglichen. Sie sollen wirklich neu anfangen können, ohne Vorurteile. Und wenn sie in Bethanien Schwester werden wollen, dann sollen sie vollkommen gleichberechtigt sein, so sehr, dass Außenstehende nicht einmal wissen dürfen, welche Schwester im Gefängnis war und welche nicht. (Das ist übrigens bis heute so.)
Aus der Gefangenenseelsorge erwuchs ein eigenes Haus für Frauen, die mit Bewährungsauflagen entlassen waren. Bald kamen immer mehr junge Frauen, da sich das Jugendschutzrecht veränderte. 1939 hatten wir in Rijsbergen das erste "Erziehungsheim" für minderjährige Mädchen (also unter 21 Jahren). Aber wir dachten auch mehr und mehr daran, präventiv zu arbeiten: warum denn erst eingreifen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist?
So entstanden dann die Bethanien Kinderdörfer. 
Haus Clee am Niederrhein,
von den Schwestern 1951 gekauft
Gleichzeitig wollten wir ja eigentlich immer noch - seit 1914 war das nicht vergessen - nach Deutschland. In den 30er und 40er Jahren war das nun kein besonders einladendes Land. Überhaupt der Krieg: wir mussten aus dem Mutterhaus raus, einige Schwestern sind bei Bombenangriffen gestorben und auch sonst mussten wir deutschen und niederländischen Schwestern zusammenleben und aushalten, dass unsere Väter und Brüder sich gegenseitig umbringen mussten! Kannst Du dir das vorstellen? Das war schon eine schreckliche Zeit. Da mussten wir wirklich viel beten, um uns noch als Schwestern lieben zu können.
Na, dann war der Krieg endlich glücklich vorüber und der Traum wurde wahr: Das erste Haus in Deutschland. Hier ist schon mal ein Bild, erzählen werd ich dann das nächste Mal davon...



Dienstag, 29. Juli 2014

Martha, Martha...

Heute feiern wir den Gedenktag der heiligen Martha von Bethanien. Jesus war gerne in Bethanien zu Gast, bei den drei Geschwistern Martha, Maria und Lazarus. Ja, nach diesem Bethanien sind wir benannt.
Martha hat zwei große Auftritte im Evangelium. Einmal als Jesus kommt und berichtet wird, dass Maria ihm zu Füßen sitzt und zuhört, während Martha in der Küche ganz allein arbeitet (Lukas 10, 38-42). Da geht sie doch tatsächlich zu Jesus und beschwert sich über ihre Schwester. Und was sagt der darauf? "Martha, Martha, du machst dir viele Mühen und Sorgen. Maria hat das Gute gewählt, das soll ihr nicht genommen werden." Na, toll!
Der dominikanische Mystiker Meister Eckehard interpretiert diese Szene, indem er Martha als die Reifere darstellt. Maria ist noch beim Hören, bei der Kontemplation. Das soll ihr auch nicht genommen werden. Aber Martha ist schon einen Schritt weiter, sie hat genug gehört, um handeln zu können: von der Kontemplation zur Aktion.
Damit ist sie unser großes Vorbild, denn das wollen wir ja auch. Uns festmachen am Wort Gottes - und dann dieses Wort in die Welt tragen, zum Heil der Menschen.
Die andere Szene ist der Tod des Lazarus (Joh 11, 20-27). Als der Bruder stirbt und Jesus zu spät kommt, zieht sich Maria zurück und weint, Martha geht auf Jesus zu und sagt: "Wenn du hier gewesen wärst, wäre mein Bruder nicht gestorben." Ein Vorwurf? Wohl eher ein Ausdruck des Vertrauens, denn sie fährt fort: "Aber auch jetzt weiß ich: alles, worum du Gott bittest, wird er dir geben." Damit hat sie recht: Jesus ruft den Toten aus dem Grab heraus.
Martha, Martha - was für eine kluge und starke Frau du doch bist.

Mittwoch, 23. Juli 2014

Maria Magdalena

Maria Magdalena ist unsere Patronin. Sieben Dämonen habe Jesus aus ihr ausgetrieben, berichtet die Bibel. Deshalb wurde sie häufig mit der Sünderin identifiziert, die Jesus in Bethanien die Füße salbt.
Nachträglich zum gestrigen Fest noch eine Darstellung der Begegnung mit dem Auferstandenen im Ostergarten.