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Dienstag, 30. Juni 2015

Mörder!

Ich weiß nicht, ob das Strafmaß "lebenslänglich" gut oder schlecht ist, zu oft oder zu selten verhängt wird und ob es mehr Alternativen geben sollte. Aber eines ist mir in der Diskussion um die geplante Strafrechtsreform klar geworden:
In allen anderen Artikeln des deutschen Strafgesetzbuches werden Handlungen verurteilt. "Wer das und das tut, wird so und so bestraft." Andere Länder machen das auch bei Mord so: "Wer einen Menschen tötet, wird bestraft mit..." Nur wir machen bei diesem einen Delikt, bei §211, eine Ausnahme: "Der Mörder wird ... bestraft."
Durch die Tagesschau habe ich erfahren, dass diese Formulierung von den Nazis stammt und ich fände es wirklich gut, wenn sie geändert würde. Nicht wegen der Nazis. Sondern weil ein Denken aus ihr spricht, das - unabhängig von der Naziideologie!!! - immer noch weit verbreitet ist: der Täter wird mit seiner Tat identifiziert. Du hast gemordet, du bist ein Mörder. 
"Ja, was denn sonst?" höre ich jetzt die Einwände. "Wer gemordet hat, ist ein Mörder, ist doch klar." Ja, das ist schon richtig. Aber es geht um die Festlegung eines Menschen auf seine Tat. Beispiel:
Dennis macht mit 24 Jahren einen schrecklichen Fehler. Er lässt sich in eine krumme Sache reinziehen und begeht einen Mord. Er wird zu lebenslänglicher Haft verurteilt und nach 20 Jahren wegen guter Führung wieder entlassen. In der Haft hat er seinen Schulabschluss nachgeholt und sich verändert. Er ist bei seiner Entlassung noch keine 45 Jahre alt. Natürlich ist er immer noch ein Mörder, aber er hat die Tat weit hinter sich gelassen. Er möchte von vorne anfangen. 
Jetzt ist die Frage, ob wir einen Menschen verurteilen, weil er gemordet hat, oder weil er ein Mörder ist. Das eine ist Vergangenheit, das andere ist Gegenwart und bleibt vor allem auch in Zukunft so. Diese Wahrnehmung lässt Dennis keine Möglichkeit, sich zu verändern und jemals wieder ein volles Mitglied unserer Gesellschaft zu werden. Im Grunde schließt sie auch die Vorstellung echter Reue aus.
Nun wird man natürlich sagen müssen, dass das Opfer schließlich auch keinen Neuanfang machen kann. Das ist zwar richtig, nur gilt das leider bei so manch anderen Vergehen auch, z.B. hätte Dennis betrunken am Steuer einen Unfall gebaut, könnte u.U. ebenfalls ein Opfer lebenslange Schäden davontragen. Trotzdem würde außer den Zeitungen mit den großen Buchstaben niemand Dennis dauerhaft als den Unfallfahrer bezeichnen (hoffentlich). Wenn er aufhört zu trinken, würde man bald sagen, dass da einmal ein furchtbarer Unfall passiert ist, dass Dennis einmal einen schrecklichen Fehler gemacht hat.
Mich beschäftigt das Thema, weil es den Kern unserer Spiritualität trifft. Wir Dominikanerinnen von Bethanien sind gegründet für Frauen, die im Gefängnis rechtskräftig verurteilt waren. Im Frankreich des 19. Jahrhunderts hatten sie nach ihrer Entlassung keine Chance auf eine echte Rehabilitation. Doch unser Gründer, der Dominikaner P. Johannes Josef Lataste merkte, dass einige von ihnen eine Berufung zum Ordensleben hatten. So gründete er unsere Gemeinschaft, in der es keine Rolle spielen sollte, wer eine belastete Vergangenheit hatte und wer nicht. Das ist bis heute so. Jeder Mensch bekommt bei Gott eine neue Chance, wenn er oder sie sich bekehrt und neu anfangen möchte. Es gibt viele große Heilige als Beispiele dafür: Maria Magdalena, Paulus, Augustinus...
Auch wenn wir kein Kapitalverbrechen begangen haben, so leben wir doch alle von der Barmherzigkeit Gottes. Wie könnten wir einem Mitmenschen, der seine Fehler bereut und neu anfangen möchte, die zweite Chance verweigern?

Dienstag, 10. März 2015

Bekehrung im Gefängnis

Heute ist der Todestag unseres Gründers, des Seligen Jean Joseph Lataste OP, des "Apostels der Gefängnisse". In dieser Fastenzeit bekommen wir per email tägliche Fastenimpulse von unseren Brüdern und Schwestern aus Norfolk, USA. Sie haben dort eine Bethanien-Gemeinschaft gegründet, von denen die meisten Mitglieder im Gefängnis einsitzen. G. ist inzwischen wieder entlassen. Von ihm ist der heutige Impuls:

Ich habe 22 Jahre im Gefängnis verbracht, 14 davon habe ich so gelebt, wie als ich 1984 zu einem Leben im Gefängnis verurteilt worden war. 1997 wurde ich bedrängt, ein Cursillo-Wochenende mit der Kirche mitzuerleben. Ich, einer aus der Masse der Männer, die andere verspotteten und lächerlich machten. Ich sah nur die Schwachen und Geringen zur Kirche gehen. Man muss wissen, es gibt eine Hackordnung im Gefängnissystem, bei der es darauf ankommt, welches Verbrechen man begangen hat und wie viele Freunde man gefunden hat. Heute verstehe ich, wie unfair das ist. 

Selbstbildnis: Mike zeichnet sich
und andere aus der Laiengemeinschaft
mit Pater Lataste hinter Gittern.
Zuerst war es nicht einfach, mich im Gefängnis zu verändern, besonders, weil ich als oben in der Hackordnung galt. Ich muss ehrlich sein, zuerst war es schwer, umzukehren, besonders, einer der Schwachen und Geringen zu werden, die in die Kirche gehen, zu essen und Umgang zu haben mit den „Leprakranken“, mit den „Verachteten“. 
1999 bin ich mit eingeschaltetem Fernseher in meiner Zelle eingeschlafen und wurde um 3.30 Uhr morgens von christlicher Musik geweckt; als ich auf den Fernseher geschaut habe, sah ich diese Bibelverse unten auf dem Bildschirm: 

Denn ich, ich kenne meine Pläne, die ich für euch habe - Spruch des Herrn -, Pläne des Heils und nicht des Unheils; denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben.  Wenn ihr mich ruft, wenn ihr kommt und zu mir betet, so erhöre ich euch.  Sucht ihr mich, so findet ihr mich. Wenn ihr von ganzem Herzen nach mir fragt, lasse ich mich von euch finden - Spruch des Herrn. 
(Jeremia 29, 11-13) 

Immer noch ist nicht bei mir angekommen, dass diese Worte ein Versprechen an mich persönlich sind. Als 2004 meine Strafe zur Bewährung ausgesetzt wurde, hätte manch einer sich darüber gefreut, ich aber war habe mich gefürchtet und hatte Angst, weil ich die Bethanien-Gemeinschaft nicht verlieren wollte und die Liebe, die ich in Jesus gefunden hatte. Ich konnte nicht glauben oder hoffen, dass ich diese neue Reise mit Jesus in meinem Herzen fortsetzen würde, und dann wurde ich wieder zu Jeremia 29, 11-13 geführt. Und das bringt mich jetzt schon zum elften Jahr, in dem Gott sein Versprechen hält.
G., Ehrenamtlicher im Gefängnis und Mitglied der bethanischen Laiengemeinschaft Our Lady of Mercy.