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Freitag, 16. Januar 2015

Katholiken und Muslime

Es reicht!
Also ich meine: es reicht wirklich.
Bevor mir jetzt wieder jemand Blauäugigkeit unterstellt: Ja, ich habe mitbekommen, was in Paris passiert ist. Und in Nigeria - obwohl die Presse da eher zurückhaltend war. Und ich weiß, dass laut Weltverfolgungsindex von opendoors 18 der 20 Länder, in denen Christen am stärksten verfolgt werden, islamisch sind. Ich habe mich übrigens auch mehrfach öffentlich zu all dem geäußert, v.a. zur Christenverfolgung im Irak, weil da Dominikanerinnen direkt betroffen sind.
Ich weiß, dass die Täter all dieser Verbrechen sich auf den Islam und auf den Koran berufen und ich relativiere das nicht.
Aber ich weiß auch, dass es Moslems gibt, die friedlich sind und keine Andersgläubigen umbringen. Ich kenne persönlich Moslems, die gut integriert in unseren westlichen Gesellschaften leben und denen das auch wichtig ist.
Wie das Zahlenverhältnis von friedlichen und fanatischen Moslems weltweit ist, wage ich nicht zu beurteilen. 
Dass es bei manchen Moslems stillschweigendes Einverständnis für die Fanatiker gibt, ist eindeutig.
Dass die stumme Ablehnung von Gewalt sinnlos ist, hat uns Deutsche das Dritte Reich gelehrt. Wenn man gegen die Fanatiker ist, muss man das laut sagen und auch was dagegen tun. Vielleicht müssen das die Moslems weltweit gerade lernen.
Aber eines kann und will ich nicht akzeptieren: Dass Christen, gerade die, die sich besonders fromm fühlen, hingehen und in einer unglaublichen Arroganz verkünden, wie "der Islam" tickt. Und dass alle Muslime Verbrecher seien, weil das der Koran vorschreibt. Und wer als Moslem friedlich sei, der habe seine Religion eben nicht richtig verstanden. Weil "der Islam" eine teuflische Religion sei.
Wenn ich so etwas lese - und um solche Kommentare kommt man z.Zt. kaum herum, wenn man im Netz unterwegs ist - dann muss ich tief durchatmen. Und dann freue ich mich, dass ich katholisch bin. Denn meine Kirche hat vor 50 Jahren eine klare Haltung zu den nichtchristlichen Religionen entwickelt und verkündet. Eine, mit der ich gut leben kann. 
Sie wurde veröffentlicht als Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils, und wer als Katholik behauptet, friedliche Moslems kennten nur den Koran nicht richtig, dem kann man antworten, sie seien in ihrer eigenen Theologie wohl auch nicht so fit. Denn unsere katholische Kirche betrachtet die Muslime "mit Hochachtung" und ermahnt uns, uns um "gegenseitiges Verstehen zu bemühen".
Das nimmt nicht weg, dass wir die Unterschiede sehen und uns auch mit den Fanatikern oder den Fehlern islamischer Regierungen kritisch auseinandersetzen. Aber "die Katholiken" betrachten "die Muslime" zunächst einmal mit Respekt.
Vielleicht sollte man hinzufügen: Schön wär's.

Dienstag, 13. Januar 2015

Frag doch mal nach dem Zweiten Vatikanum!

Die heutige Frage ("Frag doch mal die Schwester", Teil 5) kommt von einer jungen Frau, betrifft eins meiner Lieblingsthemen und ist für mich eine echte Herausforderung:

"Gibt es eine kurze, knackige, aber gute Zusammenfassung vom 2. Vatikanum? Also konkret, welche Änderungen zu vorher etc.?"

Also, eigentlich ist die Antwort ganz einfach: Ja. 
Die Versammlung der Konzilsväter im Petersdom
Die beste Zusammenfassung, die ich kenne, ist das "Kleine Konzilskompendium" von Karl Rahner und Herbert Vorgrimler. Ein grünes Taschenbuch, erschienen im Herderverlag, steht in jeder Bücherei oder Bibliothek, die irgendwie mit der katholischen Kirche zu tun hat. Es liest sich ganz gut, enthält die kompletten Konzilstexte auf deutsch und erklärt viele Hintergründe. 
Allerdings hat es 775 Seiten, und vielleicht ist das doch nicht knackig genug...? Ich versuch mal, ein bisschen zu kürzen:
Das II.Vatikanische Konzil hat vom 11.10.1962 bis zum 8.12.1965 gedauert, unterbrochen vom Tod des Papstes Johannes XXIII. und der Wahl von Paul VI. Es war kurz gesagt ein update der Kirche, eine Aktualisierung ins 20. Jahrhundert.
Das erste Bemerkenswerte ist schon, dass das Konzil überhaupt stattgefunden hat, denn auf dem ersten Vatikanischen Konzil war das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes verkündet worden. Und nun meinten manche, eigentlich seien Diskussionen in der katholischen Kirche jetzt doch überflüssig. Weit gefehlt! Auf dem Zweiten Vatikanum wurde frei und offen diskutiert, viel mehr, als manche der Kirche vorher zugetraut hatten. Das war auch schon eine wichtige Änderung.
Im Vorfeld gab es eine Fülle von Themen, am Schluss kamen 16 Dokumente von unterschiedlicher Länge und Wichtigkeit heraus. Darin geht es u.a. um das Selbstverständnis der Kirche, um Liturgie, um die Rolle der Laien in der Kirche, um das Verhältnis der katholischen Kirche zu anderen Christen und zu anderen Religionen sowie um Religionsfreiheit. 
Konkrete Änderungen gab es so viele, dass manche Katholiken das Gefühl hatten, ihr Kirche hätte sich aufgelöst. Ich nehme mal drei Beispiele raus:
Das sichtbarste war wohl die Liturgie: bis zum Konzil wurde die Messe auf Latein gelesen, der Priester zelebrierte am Hochaltar, mit dem Rücken zur Gemeinde. Jetzt wurde gesagt, dass die "tätige Teilnahme" der Gemeinde wichtig sei. Die Menschen sollten verstehen, was in der Messe passiert und sie wirklich mitvollziehen. Also wurden die Texte in die verschiedenen Landessprachen übersetzt, die Altäre wurden von den Wänden abgerückt, die Priester wendeten sich den Gemeinden zu usw..
Eine andere Veränderung war die Rolle der Laien. Das ist heute vielleicht schwer zu verstehen, aber vor dem Konzil hatten eigentlich nur die Priester und die Ordensleute was zu melden. Normale Gläubige konnten ja nicht mal die Messe verstehen, sie hatten einfach ihren Rosenkranz zu beten und zu tun, was Herr Pastor sagte. Jetzt kommt das Konzil mit einem revolutionären Begriff: "das gemeinsame Priestertum der Gläubigen" (Lumen gentium 10) und das "hierarchische Priestertum". Beide sind zwar verschieden, gehören aber zusammen. Das soll heißen, auch die Laien sind nicht nur die (dummen) Schafe, die vom Hirten gehütet werden, nein, sie haben eine wichtige Aufgabe beim Aufbau der Kirche und des Gottesreiches. Das hat praktische Folgen in den Gemeinden gehabt, z.B. wurden danach die Pfarrgemeinderäte erfunden. In anderen Ländern geht das viel weiter: in Lateinamerika leiten Laien heute oft ganze Gemeinden. Eigentlich aus der Not heraus, weil es zu wenige Priester gibt, aber das Konzil hat eben ausdrücklich gesagt, dass die Laien einen Auftrag dazu haben, am Reich Gottes mitzubauen. Darin sind sie genau so wertvoll wie die Priester.
Ganz wichtig ist noch das Verhältnis der katholischen Kirche zu anderen Religionen. Bis zum Konzil hat die Kirche behauptet, die Wahrheit gepachtet zu haben. Außerhalb der (katholischen) Kirche gebe es kein Heil und keine Erlösung, war die feste Überzeugung. Jetzt entwickelt sich die Theologie weiter: Im Dekret über die nichtchristlichen Religionen heißt es, wir lehnen nichts von dem ab, "was in diesen [anderen] Religionen wahr und heilig ist". (Nostra aetate 2) Wir verkünden also weiter, dass Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, in dem wir die Fülle religiösen Lebens finden, aber wir können wesentlich entspannter mit Menschen umgehen, die das nicht glauben. Wir müssen sie nicht mehr bemitleiden, ablehnen oder missionieren - wie vor dem Konzil. Im Gegenteil. Da gibt es dann auch mal eine Formulierung wie diese: "Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat." Ganz vorsichtig kommt dann, worin sie sich von uns unterscheiden, aber zuerst mal ist das Verbindende wichtig. Ähnliches gibt es für alle großen Religionen, am meisten für die Juden. Dabei war eine ganz eintscheidende Veränderung die Art und Weise, wie geredet wurde: respektvoll statt herablassend, usw. Hier führt das jetzt aber zu weit, es waren ja eh nur ein paar kleine Beispiele.
Fazit: 
das II. Vatikanum hat die katholische Kirche einmal kräftig durchgeschüttelt und auf die Höhe der damaligen Zeit gebracht. Für Details empfehle ich das Kleine Konzilskompendium von Rahner/Vorgrimler. Meine Anmerkungen hier sind meist aus der Einleitung.

Wer Fragen für "Frag doch mal die Schwester" hat, kann sie mir gerne an sr.barbara@bethanien-op.org schicken.

Freitag, 1. August 2014

Interreligiöser Dialog

Gestern habe ich über die Islamisten und ihre Verfolgung der Christen geschrieben. Ich hatte meiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass auch der Islam sich für die heutige Zeit öffnen wird.
Damit tun sich auch die christlichen Kirchen zuweilen nicht leicht. Religion hat immer (!) mit Tradition zu tun, sie will das Bewährte bewahren, ist tendenziell also konservativ. Ja, ja: die eine mehr, die andere weniger, ich weiß... Auch die progressivste Kirche macht nicht alle Moden des Zeitgeistes mit, sondern ist in einer alten Lehre verankert, an der die Moderne gemessen wird. Allerdings schließt das einen Dialog mit der nichtreligiösen Welt nicht aus, das hat sich inzwischen herumgesprochen, in der katholischen Kirche spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vor 50 Jahren, immerhin.
Damals wurde die klare Richtlinie vorgegeben: Wir wollen zwar mehr als diese Welt, aber wir leben in ihr und alles, was in dieser Welt passiert, betrifft uns. Damals begann auch verstärkt der Dialog mit anderen christlichen Konfessionen und mit anderen Religionen. Auch Atheisten und Menschen, die keine besondere Meinung zur Religion hatten, kamen in neuer Weise als Gesprächspartner in den katholischen Blick.
Interreligiöses Friedenstreffen in Lissabon, 26.9.2000
Bildquelle: santegidio.org
Die Anführer aller großen Religionsgemeinschaften sind schon lange in Sachen Versöhnung aktiv. Dabei meinen manche, die drei monotheistischen Religionen müssten sich schwerer tun, denn wer glaube, dass es nur einen Gott gibt, der könne keine andere neben sich dulden. Das ist einerseits richtig. Andererseits hat sich die Menschheit seit dem Mittelalter weiterentwickelt und mit ihr die Theologie. Wer es will, der kann heute darauf kommen: wenn es nur einen Gott gibt, dann beten wir Christen denselben Gott an wie die Juden und die Muslime. Wir nennen ihn nur anders und haben andere Vorstellungen von ihm.Wer mit seinen Vorstellungen wie nah an die Wahrheit kommt, ist dabei eine andere Frage, aber es geht immer um denselben Gott, den einen.
Nicht alle wollen das sehen. Aber wir Christen kommen nicht um diese Erkenntnis herum. Es sagt unser Verstand (den wir ja schließlich von Gott haben), es sagen unsere Theologen, es sagen Papst und Bischöfe. Wird das irgendwann dazu führen, dass wir Frieden finden?

Samstag, 29. März 2014

Freude des Evangeliums: das rechte Maß

In der Enzyklika "Die Freude des Evangeliums" befinden wir uns im ersten Kapitel, "Die missionarische Umgestaltung der Kirche", Abschnitt III "Aus dem Herzen des Evangeliums" - Fortsetzung von gestern!

38. Es ist wichtig, die pastoralen Konsequenzen aus der Konzilslehre zu ziehen, die eine alte Überzeugung der Kirche aufnimmt. Vor allem ist zu sagen, dass in der Verkündigung des Evangeliums notwendigerweise ein rechtes Maß herrschen muss. Das kann man an der Häufigkeit feststellen, mit der einige Themen behandelt werden, und an den Akzenten, die in der Predigt gesetzt werden. Wenn zum Beispiel ein Pfarrer während des liturgischen Jahres zehnmal über die Enthaltsamkeit und nur zwei- oder dreimal über die Liebe oder über die Gerechtigkeit spricht, entsteht ein Missverhältnis, durch das die Tugenden, die in den Schatten gestellt werden, genau diejenigen sind, die in der Predigt und in der Katechese mehr vorkommen müssten. Das Gleiche geschieht, wenn mehr vom Gesetz als von der Gnade, mehr von der Kirche als von Jesus Christus, mehr vom Papst als vom Wort Gottes gesprochen wird.
39. Ebenso wie der organische Zusammenhang zwischen den Tugenden verhindert, irgendeine von ihnen aus dem christlichen Ideal auszuschließen, wird auch keine Wahrheit geleugnet. Man darf die Vollständigkeit der Botschaft des Evangeliums nicht verstümmeln. Außerdem versteht man jede Wahrheit besser, wenn man sie in Beziehung zu der harmonischen Ganzheit der christlichen Botschaft setzt, und in diesem Zusammenhang haben alle Wahrheiten ihre Bedeutung und erhellen sich gegenseitig. Wenn die Predigttätigkeit treu gegenüber dem Evangelium ist, zeigt sich in aller Klarheit die Zentralität einiger Wahrheiten, und es wird deutlich, dass die christliche Morallehre keine stoische Ethik ist, dass sie mehr ist als eine Askese, dass sie weder eine bloße praktische Philosophie ist, noch ein Katalog von Sünden und Fehlern. Das Evangelium lädt vor allem dazu ein, dem Gott zu antworten, der uns liebt und uns rettet – ihm zu antworten, indem man ihn in den anderen erkennt und aus sich selbst herausgeht, um das Wohl aller zu suchen. [...]

Freitag, 28. März 2014

Freude des Evangeliums: Hierarchie der Wahrheiten

In der Enzyklika "Die Freude des Evangeliums" befinden wir uns im ersten Kapitel, "Die missionarische Umgestaltung der Kirche", Abschnitt III "Aus dem Herzen des Evangeliums":

36. Alle offenbarten Wahrheiten entspringen aus derselben göttlichen Quelle und werden mit ein und demselben Glauben geglaubt, doch einige von ihnen sind wichtiger, um unmittelbarer das Eigentliche des Evangeliums auszudrücken. In diesem grundlegenden Kern ist das, was leuchtet, die Schönheit der heilbringenden Liebe Gottes, die sich im gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus offenbart hat. In diesem Sinn hat das Zweite Vatikanische Konzil gesagt, » dass es eine Rangordnung oder „Hierarchie“ der Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens «.[...]
37. Der heilige Thomas von Aquin lehrte, dass es auch in der moralischen Botschaft der Kirche eine Hierarchie gibt, in den Tugenden und in den Taten, die aus ihnen hervorgehen.[...] Darum behauptet der heilige Thomas, dass in Bezug auf das äußere Handeln die Barmherzigkeit die größte aller Tugenden ist: » An sich ist die Barmherzigkeit die größte der Tugenden. Denn es gehört zum Erbarmen, dass es sich auf die anderen ergießt und – was mehr ist – der Schwäche der anderen aufhilft; und das gerade ist Sache des Höherstehenden. Deshalb wird das Erbarmen gerade Gott als Wesensmerkmal zuerkannt; und es heißt, dass darin am meisten seine Allmacht offenbar wird. «[41]

Fortsetzung morgen!

Donnerstag, 20. März 2014

Freude des Evangeliums: Neuausrichtung

In der Enzyklika "Evangelii gaudium" von Papst Franziskus sind wir immer noch in Kapitel 1 "Die missionarische Umgestaltung der Kirche".

II. Seelsorge in Neuausrichtung

26. Paul VI. forderte, den Aufruf zur Erneuerung auszuweiten, um mit Nachdruck zu sagen, dass er sich nicht nur an Einzelpersonen wandte, sondern an die gesamte Kirche. Wir erinnern an diesen denkwürdigen Text, der seine interpellierende Kraft nicht verloren hat: » Die Kirche muss das Bewusstsein um sich selbst vertiefen und über das ihr eigene Geheimnis nachsinnen […] Aus diesem erleuchteten und wirkenden Bewusstsein erwächst ein spontanes Verlangen, das Idealbild der Kirche wie Christus sie sah, wollte und liebte, als seine heilige und makellose Braut (vgl. Eph 5,27), mit dem wirklichen Gesicht, das die Kirche heute zeigt, zu vergleichen […] Es erwächst deshalb ein großherziges und fast ungeduldiges Bedürfnis nach Erneuerung, das heißt nach Berichtigung der Fehler, die dieses Bewusstsein aufzeigt und verwirft, gleichsam wie eine innere Prüfung vor dem Spiegel des Vorbildes, das Christus uns von sich hinterlassen hat. «[23]

Das Zweite Vatikanische Konzil hat die kirchliche Neuausrichtung dargestellt als die Öffnung für eine ständige Reform ihrer selbst aus Treue zu Jesus Christus: » Jede Erneuerung der Kirche besteht wesentlich im Wachstum der Treue gegenüber ihrer eigenen Berufung […] Die Kirche wird auf dem Wege ihrer Pilgerschaft von Christus zu dieser dauernden Reform gerufen, deren sie allzeit bedarf, soweit sie menschliche und irdische Einrichtung ist. «[24]
Es gibt kirchliche Strukturen, die eine Dynamik der Evangelisierung beeinträchtigen können; gleicherweise können die guten Strukturen nützlich sein, wenn ein Leben da ist, das sie beseelt, sie unterstützt und sie beurteilt. Ohne neues Leben und echten, vom Evangelium inspirierten Geist, ohne „Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung“ wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben.

Samstag, 10. August 2013

Update

"Ich bin 1983 geboren. Das Zweite Vatikanische Konzil ist für mich so weit weg wie das Konzil von Trient - eben Kirchengeschichte." So sagte es mal eine junge Schwester und ich merke, dass ich sie gut verstehen kann (obwohl ich Jahrgang 1969 bin): Gerade haben wir einen Film über Vatikanum II gesehen - für mich purer Geschichtsunterricht.
Aber: ich sitze hier auf einer Tagung über dieses Konzil zusammen mit lauter dominikanischen Schwestern (und einigen Brüdern), von denen die meisten noch lebhaft erzählen, wie es damals war. Das ist so spannend! Papst Johannes XXIII. brachte das Schlagwort "aggiornamento" ein: er wollte die Kirche auf die Höhe der Zeit bringen. Ein Update sozusagen. Und was ist d'raus geworden?
Wir haben uns in Kleingruppen über unsere Erfahrungen ausgetauscht. Die Älteren erzählten eigentlich alle mehr oder weniger begeistert davon, was für eine Befreiung das Konzil gebracht hat - auch wenn die Umbruchszeit nicht einfach war und es viele Widerstände gab. Die Jüngeren (in diesem Fall gehöre ich noch dazu) sitzen da und versuchen zu verstehen, dass das, was für uns die Normalität ist, einmal Revolution war. Ich habe versucht, meiner 80-jährigen Mitschwester zu erklären, dass ich 1969 in die Freiheit hineingeboren wurde, die für sie damals so neu war. Für mich normal. Und dass ich mir - wie auch andere meiner Ordensgeneration - manchmal ganz unbedarft die ein oder andere alte Form wünsche, ohne zu ahnen, was für Verletzungen und Zwänge meine alten Mitschwestern damit assoziieren.
Unser Referent war heute Prof. Otto Hermann Pesch, besonders gern gesehener Gast, weil er sozusagen zur Familie gehört: er war mal Dominikaner.
Er hat einen Überblick über das Konzil gegeben und auch die Frage gestellt, inwieweit es umgesetzt worden ist. Besonders faszinierend ist für mich auch in dieser Hinsicht mein Lieblingsdokument "Nostra aetate" - über das Verhältnis zu den anderen Religionen. Das war ursprünglich ganz anders geplant und der Heilige Geist musste mächtig die Manuskripte durcheinanderwirbeln, bevor dieser tolle Text rausgekommen ist.
Bin schon gespannt, wie es morgen weiter geht.