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Montag, 2. Februar 2015

Frag doch mal nach der Todesstrafe!


Weiter geht es mit unserer Reihe "Frag doch mal die Schwester", Teil 6.
Schon vor einiger Zeit bekam ich folgende, knifflige Frage gestellt:
Als "die Juden" bei Pilatus sind und Jesus anklagen, sagen sie, ihr Gesetz erlaube ihnen nicht, einen Menschen zu töten. Deshalb brauchten sie die Römer, die die Drecksarbeit erledigen und Jesus kreuzigen sollen. So steht es beim Evangelisten Johannes 18, 30.
An einer anderen Stelle haben "die Juden" aber keinerlei Probleme mit der Todesstrafe, nämlich als sie die Ehebrecherin zu Jesus bringen. Die wollen sie zu Tode steinigen - wie es das jüdische Gesetz vorsieht. Also, was denn jetzt:  
durften die Juden die Todesstrafe vollstrecken oder nicht?

Die Antwort ist jein. 
Die Juden durften Menschen steinigen, aber die Steinigung ist eine Körperstrafe, keine Hinrichtungsart.  Es führte auch nicht jede Steinigung zum Tode, der Tod wurde eher billigend in Kauf genommen. Im eigentlich juristischen Sinne hinrichten durften die Juden aber nicht, denn sie durften keine Waffen tragen, d.h. sie hatten nicht das Recht, ein Schwert zu tragen (jus gladii). Folglich durften sie ihre Verbrecher weder enthaupten noch kreuzigen.
Bleibt die Frage, warum sie Jesus nicht einfach gesteinigt haben, das haben sie ja sogar schon mal versucht. Aber das wäre eine zu schwache Strafe gewesen, selbst wenn sie tödlich geendet hätte. Zur Zeit Jesu war man immer derart vom Tod bedroht, dass das Sterben selber als Drohung nicht ausreichte. Es musste bei diesem Gotteslästerer und Volksaufwiegeler, der Jesus in den Augen der Hohenpriester ja war, schon eine echte Hinrichtung sein und zwar eine möglichst demütigende. Es ging ja auch um die Abschreckung für seine Anhänger. Da war das Heftigste im Angebot die Kreuzigung, und dazu waren die Juden eben nicht berechtigt.

Mittwoch, 17. September 2014

Herrn Mazyeks Krokodilstränen

Ich gestehe: ich habe während der Konvents-Exerzitien Tagesschau geguckt. Für die, denen das jetzt nix sagt: das ist keine Katastrophe, aber eigentlich macht man das nicht. Egal, es ist passiert. Wäre nicht der Rede wert, wenn die böse Tat nicht eine noch bösere Konsequenz hätte: ich habe etwas gesehen, das ich kommentieren muss (und das geht während der Exerzitien eigentlich wirklich nicht. Aber ich weiß nicht, ob ich friedlich beten kann, bevor ich diesen Post losgeworden bin, insofern hoffe ich bei allen Mitschwestern, die frommer sind als ich und das vielleicht lesen auf Nachsicht...)
Es ist Ayman Mazyek, der mich um meine Gelassenheit gebracht hat, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Der sagte: "Ich bin Jude, wenn eine Synagoge angegriffen wird, ich bin Christ, wenn Christen z.B. im Irak verfolgt werden und ich bin Moslem, wenn Brandsätze auf ihre Gotteshäuser geworfen werden." Ein schöner Satz - keine Frage.
Und nun wird es einen Aktionstag geben: deutsche Muslime distanzieren sich vom islamistischen Terror, sie wehren sich dagegen, dass die Extremisten des IS den Islam missbrauchen. Toll. Darauf - wenn die Bemerkung gestattet ist - haben wir lange gewartet. 
Aber was ist das? Gleichzeitig wollen die Islamverbände auch gegen die Diskriminierung ihrer eigenen Religion demonstrieren. Moslems, so heißt es, haben in den letzten Wochen weniger Sympathien und Solidarität durch die deutsche Bevölkerung erfahren. Ach was, echt jetzt?
Vertreter der großen Moslemverbände in Deutschland
rufen für Freitag zu einem Aktionstag auf
Bildquelle: www.tagesschau.de
Herr Mazyek, mal ganz unter uns: ich habe viel Sympathie für den Islam. Ein Teil meiner Familie (und zwar ein netter!) ist muslimischen Glaubens. Ich habe immer darüber berichtet, wenn sich Imame von Terroranschlägen distanziert haben. Ich will Ihnen nix, echt nicht. Aber das hier, das kann doch nicht Ihr Ernst sein, oder?
Juden müssen sich auf deutschen Straßen wieder fürchten, weil der Nahostkonflikt hierher getragen wird, Christen werden im Irak nicht nur vertrieben, sondern systematisch vergewaltigt und gekreuzigt (!) - und Sie machen einen Aktionstag erst dann, wenn Sie merken, dass Sie was für Ihr Image tun müssen? Sie werben für Toleranz und Glaubensfreiheit erst, wenn die Brandsätze auf Moscheen fliegen? Dann war das wohl doch nicht so ernst gemeint mit dem "Ich bin Christ, wenn..."?
Wohlgemerkt: ich weiß, dass die Medien nicht alle Ihre Stellungnahmen und Distanzierungen deutlich genug gebracht haben. Umso wichtiger ist dieser Aktionstag. Ob Sie sich aber einen Gefallen damit tun, wenn Sie sich gleich wieder in die Opferrolle begeben, bezweifle ich.

Und hier noch ein Nachtrag: gerade lese ich, dass es am Wochenende in Berlin eine Demonstration gegen Antisemitismus gab.
http://www.cicero.de/berliner-republik/demo-gegen-judenhass-wo-waren-die-muslime/58230
Ein eigener Aktionstag ist gut, sehr gut. An den Aktionen der anderen teilzunehmen, wäre aber auch ein gutes Zeichen - ein sehr gutes!

Freitag, 1. August 2014

Interreligiöser Dialog

Gestern habe ich über die Islamisten und ihre Verfolgung der Christen geschrieben. Ich hatte meiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass auch der Islam sich für die heutige Zeit öffnen wird.
Damit tun sich auch die christlichen Kirchen zuweilen nicht leicht. Religion hat immer (!) mit Tradition zu tun, sie will das Bewährte bewahren, ist tendenziell also konservativ. Ja, ja: die eine mehr, die andere weniger, ich weiß... Auch die progressivste Kirche macht nicht alle Moden des Zeitgeistes mit, sondern ist in einer alten Lehre verankert, an der die Moderne gemessen wird. Allerdings schließt das einen Dialog mit der nichtreligiösen Welt nicht aus, das hat sich inzwischen herumgesprochen, in der katholischen Kirche spätestens seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vor 50 Jahren, immerhin.
Damals wurde die klare Richtlinie vorgegeben: Wir wollen zwar mehr als diese Welt, aber wir leben in ihr und alles, was in dieser Welt passiert, betrifft uns. Damals begann auch verstärkt der Dialog mit anderen christlichen Konfessionen und mit anderen Religionen. Auch Atheisten und Menschen, die keine besondere Meinung zur Religion hatten, kamen in neuer Weise als Gesprächspartner in den katholischen Blick.
Interreligiöses Friedenstreffen in Lissabon, 26.9.2000
Bildquelle: santegidio.org
Die Anführer aller großen Religionsgemeinschaften sind schon lange in Sachen Versöhnung aktiv. Dabei meinen manche, die drei monotheistischen Religionen müssten sich schwerer tun, denn wer glaube, dass es nur einen Gott gibt, der könne keine andere neben sich dulden. Das ist einerseits richtig. Andererseits hat sich die Menschheit seit dem Mittelalter weiterentwickelt und mit ihr die Theologie. Wer es will, der kann heute darauf kommen: wenn es nur einen Gott gibt, dann beten wir Christen denselben Gott an wie die Juden und die Muslime. Wir nennen ihn nur anders und haben andere Vorstellungen von ihm.Wer mit seinen Vorstellungen wie nah an die Wahrheit kommt, ist dabei eine andere Frage, aber es geht immer um denselben Gott, den einen.
Nicht alle wollen das sehen. Aber wir Christen kommen nicht um diese Erkenntnis herum. Es sagt unser Verstand (den wir ja schließlich von Gott haben), es sagen unsere Theologen, es sagen Papst und Bischöfe. Wird das irgendwann dazu führen, dass wir Frieden finden?

Freitag, 25. Juli 2014

Stigma

Gestern habe ich vom arabischen Buchstaben "N" erzählt, der gerade auf Facebook als Zeichen der Solidarität mit den im Irak verfolgten Christen verbreitet wird. 
Ich wollte mein Profilbild nicht ganz ändern, sondern als Person erkennbar bleiben und so habe ich eine Kollegin gebeten, mir das "N" in mein normales Bild reinzukopieren. Als sie es zurückschickte, war ich überrascht, ich hatte es mir anders vorgestellt. Aber dann fand ich es genau richtig!
So erinnert es mich sehr an den Davidstern, den die Juden unter den Nazis tragen mussten, und ich finde diese Assoziation passend. Genau so ist das Zeichen ja gemeint, als Stigma, das den Feind kennzeichnet und ggfs. zum Töten freigibt. 
Sie müssen an die "Juden ins Gas"-Rufe denken, die vor wenigen Tagen in deutschen Städten zu hören waren? Genau! Überall und jederzeit sind wir in Gefahr, Menschen gruppenweise abzulehnen. Juden, Muslime, Christen, Israelis, Palästinenser... Hören wir auf damit!
Ein wenig Mut macht mir, dass dieses Zeichen von immer mehr Menschen geteilt wird, nicht nur von Christen, auch von Muslimen. Jeder macht mir Mut, der es wagt, gegen Fanatiker in den eigenen Reihen aufzustehen und zu sagen: Keine Gewalt.

Sonntag, 10. November 2013

Gedenken

Gestern war der 75. Jahrestag der Reichspogromnacht.
Jedes Jahr am 9. November kommt die örtliche Realschule zu einem ökumenischen Gedenkgottesdienst in unsere Kapelle - natürlich auch dieses Jahr.
 Die Jugendlichen der 10. Klasse hatten sich im Unterricht auch praktisch mit dem Thema auseinander gesetzt. Die Ergebnisse waren so eindrucksvoll, dass ich einige davon gerne noch einmal weiter verbreiten wollte.
Der Gottesdienst endete mit der Fürbitte, die seit der Liturgiereform in der katholischen Kirche am Karfreitag für die Juden gebetet wird:
"Lasst uns ... beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat:
Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen,
damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.
Allmächtiger, ewiger Gott,
du hast Abraham und seinen Kindern deine Verheißung gegeben.
Erhöre das Gebet deiner Kirche für das Volk,
das du als erstes zu deinem Eigentum erwählt hast:
Gib, dass es zur Fülle der Erlösung gelangt."