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Montag, 27. Juli 2015

Frag doch mal... nach dem Feminismus!

Frag doch mal die Schwester, Teil 13:
Sind Schwestern Feministinnen?
Wie immer in dieser Reihe beantworte ich ja einfach die Fragen, die mir irgendwann irgendwo gestellt werden und freue mich über alles, was da kommt. Aber diese Frage finde ich schon besonders klasse, denn sie kommt von einem Mann, der uns schon eine ganze Weile kennt. Wenn er fragt, ob (alle) Schwestern Feministinnen seien, dann lässt mich das doch über unsere Außenwirkung nachdenken.
Andererseits könnte es natürlich sein, dass er unter einer Feministin einfach etwas anderes versteht als ich, insofern sollten wir vielleicht erst einmal die Begriffe klären.
Wenn man es ganz genau nimmt, dann tauchen die Vokabeln "Feministin" und "Feminismus" zum ersten Mal in Frankreich im späten 19. Jahrhundert auf. In Deutschland wurden diese Begriffe nicht sofort übernommen, weil sie rasch abwertend benutzt wurden. Erst in der zweiten Bewegung, in den 1970er Jahren, fingen auch die deutschen Frauen an, sich selber als Feministinnen zu bezeichnen. Gemeint war damit ganz grob gesagt die (politische) Bewegung der Frauenemanzipation, also die Befreiung der Frauen von Unterdrückung durch patriarchale Strukturen und das Streben nach Gleichberechtigung.
In diesem Sinne gibt es wahrscheinlich nicht so viele Ordensfrauen, die kämpferische Feministinnen sind. Es gibt sie, auch in den Reihen unserer Gemeinschaft der Dominikanerinnen von Bethanien. Aber es ist doch eine spezielle politische Richtung, die oft auch ein gewisses Aggressionspotential enthält. Und - etwas platt gesagt - der Kampf gegen die Männer liegt den meisten von uns nicht so.
Was uns aber sehr wohl liegt, das ist der Einsatz für Frauen. Eigentlich machen Frauenorden von Natur aus und von Anfang an nichts anderes, als die Rechte von Frauen zu stärken. Anfangs, als Frauen eigentlich nur als Ehefrauen und Mutter etwas galten, waren die Klöster die einzige echte Alternative. Die Ordensgemeinschaften des Mittelalters z.B. boten Frauen die Möglichkeit zu Bildung, Ansehen und Autonomie - wenn man so will zu Emanzipation.
Heute nehmen sich die Frauenorden gerne besonders der Mädchen und Frauen an. Wir Dominikanerinnen von Bethanien sind gegründet für Frauen, die straffällig geworden waren und keine Chance auf eine echte Rehabilitation hatten. Daraus ist u.a. der Schwerpunkt der Arbeit mit Gefangenen und mit Frauen in Not geworden. "Frauen in Not" bedeutet heute häufig Zwangsprostitution und Menschenhandel. Wer sich dagegen stemmt, kämpft zwar für Frauenrechte und auch gegen verbrecherische männliche Strukturen - aber ist sie deshalb eine Feministin? Ich weiß nicht...

Bild: sokaeiko@pixelio.de

Montag, 6. Juli 2015

Frag doch mal ... nach der Abtreibung!

Frag doch mal die Schwester, Teil 12:
Ist Abtreibung erlaubt, wenn die Geburt des Kindes mit ziemlicher Sicherheit den Tod der Mutter zur Folge hätte? Dann wäre die Entscheidung für das Kind doch gleichzeitig Selbstmord, der ja auch verboten ist!
Die Frage hat verschiedene Unterpunkte, die für die Fragestellerin z.T. schon geklärt waren, die ich hier aber noch mal abhake, damit keine Missverständnisse entstehen:
1) Wir (die Fragestellerin und ich) gehen davon aus, dass Abtreibung ganz allgemein erst mal nicht in Frage kommt, weil sie menschliches Leben zerstört.
2) Wir gehen auch davon aus, dass Selbstmord, also die bewusste und willentliche Selbsttötung, für uns nicht in Frage kommt, weil sie dem Willen Gottes widerspricht.
3) Wir gehen in diesem Fallbeispiel davon aus, dass es praktisch keinen Zweifel am Tod der Mutter im Falle der Geburt gäbe. Das wird in der Realität nicht oft der Fall sein, aber es geht darum, eine moralisch-philosophische Grundsatzfrage zu klären.


Es bleibt die Frage: was wiegt schwerer, das Leben des ungeborenen Kindes oder das der Mutter? Und gibt es eine Vorschrift der Kirche für die Mutter/die Eltern?
Darauf ist die Antwort ziemlich eindeutig: es gibt keine klare Vorschrift. In einem solchen Fall ist die Entscheidung der Mutter und ihrem Gewissen überlassen, denn man kann von der Mutter nicht verlangen, sich für ihr Kind zu opfern. 
Ich persönlich finde ja, dass man einem Kind keinen Gefallen tut, wenn man ihm von Anfang an die Mutter nimmt, aber das kann man natürlich auch anders sehen und ich werde mich hüten, Empfehlungen zu geben. Ich bin ja nicht in dieser Situation. Mir bleibt nur, weiterhin fleißig für alle werdenden Mütter, bzw. Eltern zu beten, besonders für diejenigen, die in einer Konfliktsituation sind. Und für die Frauen/Eltern, die mal ein Kind verloren haben. Und für die Frauen, die mal abgetrieben haben. Und für die Frauen, die gerne schwanger wären, bei denen es aber nicht klappt.

Bildquelle: JMG@pixelio.de

Samstag, 15. November 2014

Eine traurige Geschichte

Aus gegebenem aktuellem Anlass erzähle ich heute eine traurige Geschichte. Sie ist wirklich passiert, bzw. sie passiert ständig, ich weiß nicht, wie oft. Deshalb erzähle ich sie als Beispiel.

Paul liebt Anna. Es ist die große Liebe. Beide überlegen es sich gut, dann heiraten sie. So richtig mit allem Drum und Dran "Willst du mich ehren und achten, bis dass der Tod uns scheidet?" und so. Sie sind glücklich.
Nach ein paar Jahren verliebt sich Paul in Berta. Einfach so. Die Liebe fällt vom Himmel, die Liebe ist etwas Gutes, etwas Schönes, dagegen kann man doch nichts sagen und erst recht kann man nichts dagegen tun, oder?
Paul geht zu Anna. "Sag mal, was hälst denn du so von einer offenen Dreierbeziehung? - So ganz allgemein gesprochen!" setzt er noch hastig hinzu. Anna runzelt die Stirn. "Du weißt doch, dass ich das für Mist halte. Das kann nicht gut gehen und ist unmoralisch. Ich bin für klare Entscheidungen. Man kann im Leben nicht alles haben."
Paul geht zu Berta: "Ich habe Anna die Treue versprochen und ich liebe sie. Ich will sie nicht verlassen und sie wird dich nicht akzeptieren. Was sollen wir tun?" Berta weint: "Das ist aber gemein und spießig!" "Ja," stimmt Paul zu "finde ich auch. Wir lassen uns unsere Liebe nicht verbieten." Und sie beginnen, sich heimlich zu treffen.
Sie hoffen, dass Anna dazulernen wird. Vielleicht wird sie eines Tages einsehen, wie spießig und altmodisch ihre Einstellung ist. Dann werden sie endlich erzählen können, dass sie ein Paar sind. Dann wird alles gut sein. Bis dahin gehen sie einmal in der Woche in eine Selbsthilfegruppe für Paare, denen es ebenso geht wie ihnen.
Hin und wieder kommen Journalisten. Denen erzählen sie - anonym natürlich - wie unfair sie es finden, dass man in der Ehe immer noch nur zu zweit sein darf. Was soll dieses reaktionäre Treueversprechen? Das passt doch nicht mehr in unsere Zeit! Die Unterstützung in der Bevölkerung wächst. Aber Anna bleibt dabei: "Du kannst ja gehen, aber ein Dreier? Will ich nicht!" Paul und Berta sind empört: wieso ist Anna nur so uneinsichtig?

Finde den Fehler.


(Foto: Gerd Wittka / pixelio)

Freitag, 26. September 2014

Unsichtbare Frauen

Gestern habe ich ein Video gesehen, das eine Frau heimlich in der syrischen Stadt Rakka gefilmt hat. Rakka gilt als die Hochburg der IS-Miliz. Die Frauen in dem kurzen Video sind alle vollständig verschleiert, im Kommentar heißt es, die Islamisten hätten am liebsten, wenn Frauen überhaupt nicht mehr auf den Straßen zu sehen wären.
Plötzlich wird die filmende Studentin von einem Auto angehalten. Zwei Männer fordern sie auf, ihre Kleidung zu ordnen: "Ich kann dein Gesicht sehen." Sie entschuldigt sich und richtet den Gesichtsschleier (Nikab). Der Beifahrer entlässt sie mit einem freundlich mahnenden "Gott liebt eine verhüllte Frau".
Darüber musste ich nachdenken.
Bildquelle: dpa, Rheinische Post vom 25.09.2014
Ja, Gott liebt all diese vollständig verhüllten Frauen. Zweifellos. Im Alten Testament heißt es, Gott liebt alles, was er geschaffen hat, denn hätte er es nicht geliebt, dann hätte er es nicht geschaffen. Eine wunderbare Aussage. Und natürlich steht im Koran, dass die Frau sich verhüllen soll. Genauer gesagt steht in Sure 24 "Das Licht", die gläubige Frau solle ihre Augen niederschlagen und ihre "Scham hüten", ihre Reize nicht zur Schau tragen und "ihren Schleier über ihren Busen schlagen". (zit. nach der Reclamausgabe von 1960) 
Aber wieso hat dieser Mann dann ein Problem damit, wenn er das Gesicht der Frau sehen kann?
Ich bin sicher: hätte Gott gewollt, dass Frauen für Männer unsichtbar sind - dann hätte er die Männer ohne Augen erschaffen.

Samstag, 6. September 2014

Offener Blick auf den Schleier

"Disparition" von Bushra Almutawakel
Bildquelle: http://globalvoicesonline.org/2012/09/09/france-yemen-vanishing-women/
http://universes-in-universe.org/deu/nafas/articles/2010/boushra_almutawakel/
Vor einiger Zeit habe ich zwei muslimische Mädchen auf die Taufe vorbereitet. Irgendwann fragte eine der beiden, warum ich eigentlich einen Schleier trage. Ich habe ihnen erklärt, dass Haare ein natürlicher Schmuck sind und dass das Bedecken der Haare in den verschiedenen Kulturen immer etwas damit zu tun hatte, dass die Frau nicht (mehr) zu haben war. Sobald eine Frau heiratete, kam sie "unter die Haube", sie war vergeben und kleidete sich von da an zurückhaltender. Das ist im Kloster ähnlich: der Schleier oder früher auch das Abschneiden der Haare war ein Zeichen der Jungfrauenweihe: ich habe meinen Bräutigam gefunden - Finger weg.
Auch im Islam bedeutet das Kopftuch eigentlich erst mal nichts anderes. Der Koran verlangt von den Frauen eine anständige Bekleidung. Sie sollen Haare und Hals bedecken - und das, was in der westlichen Kultur gerade entblößt wird: das Dekolleté. Das gilt natürlich vor allem erst mal für verheiratete Frauen. Junge Mädchen sollen natürlich auch dem Anstand gemäß gekleidet sein, müssen aber ihre Attraktivität - maßvoll - zeigen dürfen, damit sie überhaupt einen Mann bekommen. (Diese Unterschiede beobachte ich immer wieder fasziniert, wenn ich muslimische Teenager modern gekleidet mit farblich passendem, schick gestyltem Kopftuch sehe.) Und es gilt überhaupt nicht für Mädchen vor der Pubertät, denn es geht ja um das Verhüllen sexueller Reize. Wo nichts ist, muss man nichts verhüllen.
Soweit, so nachvollziehbar. Man muss das nicht mögen, aber ich finde, wir haben kein Recht, anderen Leuten zu sagen, wie sie ihre Töchter erziehen sollen.
Nun erleben wir aber in den letzten Jahren zunehmend eine andere Form der Verschleierung auch auf deutschen Straßen. Die verschiedenen Formen habe ich jetzt in einer Fotoserie der jemenitischen Künstlerin Bushra Almutawakel gesehen. Sie stellt sie in eine Reihe nebeneinander, um zu zeigen, wie unter dem Druck der Fundamentalisten die Frauen in muslimischen Gesellschaften mehr und mehr in die Unsichtbarkeit verschwinden.
Wenn ich mir diese Bilder ansehe, dann wird mir klar, was davon ich akzeptieren kann und womit ich ein Problem habe. Und warum. 
Die ersten beiden Bilder sind mir etwas fremd, aber wenn es die Religion verlangt, habe ich kein Recht, das in Frage zu stellen. Ich will ja auch meinen Schleier tragen, ohne deswegen dumm angemacht zu werden.
Dann kommen zwei Bilder, mit denen ich mich auf deutschen Straßen (!) schwer tue: ich bezweifle, dass diese Kleidung wirklich noch den religiösen Vorschriften des Koran entspricht. Ich vermute (behaupten will ich das nicht, dafür kenne ich den Islam nicht gut genug), dass es hier mehr um kulturelle Identität und Tradition geht. Und da sind wir sofort bei der Frage: warum grenzen sich diese Menschen so deutlich von der kulturellen Identität unseres Landes ab? Warum wollen sie sich nicht anpassen, wenn sie in diesem Land doch leben wollen? Aber das sind Fragen, Unsicherheiten, keine Gewissheiten. Kann sein, dass ich damit jemandem Unrecht tue. Ich begegne selber auch immer wieder Menschen, die glauben, mich genau zu kennen - nur weil sie meinen Habit sehen. Darum ist es hier schwierig.
Bei der unteren Reihe der Bilder ist es dann einfacher: ich will sehen, mit wem ich es zu tun habe. Mir ist völlig egal, wie frei eine Frau ist oder sich fühlt, wenn sie voll verschleiert ist (und es gibt Frauen, die sagen, dass sie den Gesichtsschleier gerne tragen, weil sie sich dann erst richtig frei fühlen!) - ICH fühle mich latent bedroht, wenn ich jemandem begegne, dessen Gesicht vermummt ist. Und wenn ich mit jemandem spreche, dann möchte ich seine Mimik sehen. Ich diskutiere mit offenem Visier. Wenn muslimische Gesellschaften eine Hälfte ihrer Bevölkerung verhüllen oder zu Hause wegsperren, finde ich das traurig, aber es steht mir kein Urteil darüber zu. Doch in Deutschland will ich solche Vermummung auf keinen Fall.
Die Bilder lassen mich ein bisschen ratlos zurück. Aber sie zeigen mir auch klar die Grenzen meiner Toleranz: Religionsfreiheit - ja, unbedingt. Aber ich möchte den Menschen offen ins Gesicht sehen können.

Dienstag, 15. Juli 2014

Demokratie auf anglikanisch

Jetzt haben sie es also endlich geschafft: mit 351 Ja- zu 72 Nein-Stimmen hat die anglikanische Kirche von England Frauen auch zum Bischofsamt zugelassen (bei 10 Enthaltungen).
Bildquelle: de.radiovaticana.va
Priesterinnen haben sie schon lange. Und interessanterweise gibt es in vielen anderen anglikanischen Kirchen (USA, Australien, Neuseeland, Kanada) teilweise schon seit den 80er Jahren auch schon Bischöfinnen. Kein Wunder also, dass in England manche ungeduldig wurden. (Andere anglikanische Kirchen der Welt haben noch nicht einmal Priesterinnen, aber das nur in Klammern.)
Ich persönlich bin da leidenschaftslos. Ich bin ja katholisch, es ist also nicht mein Problem. Allerdings scheint es mir logisch, dass man Frauen, wenn man sie schon zum Priestertum zulässt, dann auch die höheren Weihen ermöglicht, nicht nur die niederen. Aber wie gesagt: ich betrachte das aus der Distanz.
Weshalb ich trotzdem darüber schreibe?
Weil mich eine Sache daran dann doch aufregt.
Da wird über diese Frage abgestimmt. Auf einer Synode. Es gibt drei Kammern, die stimmberechtigt sind: Die Geistlichen inklusive Bischöfe, die Vertreter der 44 Diözesen und die Laien. Das finde ich demokratisch im echten Wortsinn: Das Kirchenvolk wählt seine Abgesandten und die bestimmen stellvertretend über die wichtigen Fragen. Ist es nicht genau das, was in der katholischen Kirche oft vermisst wird? Wie sehr wünschen wir uns, dass bei uns mal gefragt würde, ob das Kirchenvolk Priesterinnen haben möchte oder ob die Priester eigentlich noch den Pflichtzölibat wollen. Keine Chance: die katholische Kirche ist eben nicht demokratisch organisiert. Mit Blick auf die Anglikaner in England könnte man also schon ein bisschen neidisch werden, die sind uns echt voraus...
2012, also gerade mal vor zwei Jahren, waren bei denen die Geistlichen und 42 der 44 Diözesen für die Zulassung der Frauen zum Bischofsamt. Interessanterweise waren ausgerechnet die Laien dagegen. Wenn auch mit knapper Mehrheit. Damit war das Ganze abgelehnt. Mehrheit ist Mehrheit, auch wenn sie knapp ist und von den Laien kommt. Das ist eben Demokratie.
Das schmeckt uns aufgeklärten, modernen Menschen natürlich nicht. Wie kann man Frauen eine Entwicklungsmöglichkeit und ein höheres Amt vorenthalten?! Das ist doch mittelalterlich!!! Damit machen wir uns lächerlich vor der Welt!!! - solche Kommentare gab es von Seiten der anglikanischen Bischöfe damals und heute.
Was ist da zu tun?
Ganz einfach: wir wiederholen die Abstimmung, falls nötig so lange, bis uns das Ergebnis gefällt. Zwei Jahre später, 2014, haben sie dann alle Abweichler überzeugt und die Synode bringt das gewünschte Ergebnis. 
Plötzlich schwindet mein Respekt vor der anglikanischen Kirche und ihrer demokratischen Verfasstheit. Ja, das Kirchenvolk darf mitbestimmen. Aber nur, solange es das will, was die Bischöfe wollen und solange es in den Zeitgeist passt. Wenn das Volk konservativer ist als die Geistlichen, wenn das Volk die Modernisierung der Kirche bremst, dann wird eben nachgeholfen. Manchmal muss man die Menschen eben zu ihrem Glück zwingen. Offenbar auch in einer Demokratie. Haben uns die Anglikaner wirklich etwas voraus? Ich bin mir nicht mehr so sicher...

Freitag, 26. Juli 2013

Ich steh vor Dir mit leeren Händen - das Kind ist tot

Bei uns in Riga haben wir drei Räume für "Frauen in Not". Und, ob das nun eine gute, oder eine schlechte Nachricht ist, sie sind meistens belegt.
Und es sind auch immer mal wieder schwangere Frauen dabei.
Letze Woche nun kam eine von ihnen früh morgens zu uns, damit wir den Notarzt rufen. - Sie verlor Blut und hatte Krämpfe.
Die Ärzte waren schnell da und nahmen sie mit ins Krankenhaus, aber sie kam ohne Kind zurück.
Ihr kleiner Sohn war gestorben, zu Beginn des fünften Monats.
Dieser Verlust macht sprachlos, sowohl die Mutter als auch uns. Wie kann man diesen Schmerz und die Unfassbarkeit des Geschehens vor Gott bringen?
Da fiel mein Blick auf die Darstellung der Ikone der Advocata, die bei uns im großen Aufenthaltsraum hängt.
Maria ist hier ohne Kind abgebildet, der Legende nach soll es sie nach Jesu Himmelfahrt zeigen. - Sie war auch eine "Frau in Not" und auch sie hat ihr Kind verloren. Nicht durch eine Fehlgeburt; ihr Sohn starb am Kreuz.
Und obwohl sie erleben durfte, was sich alle Mütter für ihre toten Kinder ersehnen, dass ihr Sohn auferstand, hatte sie ihn nicht einfach zurück.
Ihre leeren Hände reden von diesem zweifachen Verlust.
Genau wie sie konnten wir unsere Hände in dieser schmerzhaften Leere zum Gebet erheben und mit ihr, als unserer "Anwältin", um dieses Kind trauern.

Freitag, 1. März 2013

"Ich war fremd"

Heute ist der Weltgebetstag der Frauen. In diesem Jahr ist das Thema "Ich war fremd - ihr habt mich aufgenommen", das Schwerpunktland ist Frankreich.
Frankreich. Hmm. Eigentlich denkt man bei diesem Weltgebetstag mehr an die Dritte Welt. Aber dann haben wir uns in der Vorbereitung mit dem eigentlichen Thema beschäftigt: "Ich war fremd." Einwanderer und Asylsuchende gibt es überall, in Frankreich, auch bei uns in Deutschland.
Und plötzlich war uns das Thema ganz nah. Näher als ein interessierter Blick in eine fremde Welt oder ein mitleidiges Staunen darüber, wie Menschen anderswo leben müssen. Es geht nicht um andere Menschen weit weg. Es geht um uns und unsere Nachbarn.
"Ihr habt mich aufgenommen."
Es geht darum, dass andere zu uns kommen und wie wir darauf reagieren. Fremdeln wir? Oder helfen wir beherzt? Es geht auch darum, ob wir selber schon einmal fremd waren. Können wir nachempfinden, wie es Menschen geht, die in Deutschland (oder Frankreich) leben, aber ihre Wurzeln woanders haben?