Eigentlich wollte ich während meines Urlaubs nicht bloggen, aber ich bin wütend. Das ist für eine Ordensfrau sicher nicht schicklich, aber ich stehe dazu: ich werde jeden Tag wütender!
Jetzt lassen Titel und Bilder dieses Beitrags schon vermuten, worum es geht, ja, richtig: die Yeziden. Allerdings muss ich sagen, ich bin nicht wütend, weil sie verfolgt werden. Das macht mich eher verzweifelt, traurig, ratlos. Doch es geschieht so viel Unrecht und Elend in der Welt, dass es für Wut nicht mehr reicht. Nein.
Wütend, wirklich wütend machen mich unsere Medien. Und unsere Politik.
Seit Wochen, nein, seit Monaten tippe ich mir die Finger wund und schreibe über die Verfolgung der Christen im Irak. Meine Informationen habe ich von den großen Hilfswerken aller christlichen Konfessionen und von der dominikanischen Familie: sie schreien schon lange nach Hilfe. (z.B. hier: http://www.kirche-in-not.de/aktuelle-meldungen/2014/08-07-christen-im-irak-droht-voelkermord ) Allmählich, so schien es, hat sich das Thema im Internet herumgesprochen, zuletzt durch das nicht nur auf Facebook weit verbreitete arabische "N", das Zeichen für "Nazarener", mit dem die Islamisten die christlichen Häuser markieren.
Als alle (!) Christen panisch aus Mossul geflüchtet waren, als dort die Kirchen in Flammen aufgingen, da endlich - so schien es - hatten auch die säkularen Medien entdeckt, dass irgendwas im Irak nicht optimal läuft. Erstmals (!) berichtete die Tagesschau davon, dass Christen verfolgt würden. Kurz darauf berichtete die ARD zwar noch im Internet von diesen Christenverfolgungen, in der Tagesschau war aber wieder knapp von der Verfolgung "religiöser Minderheiten" die Rede.
Nun könnte man meinen, okay, sie haben halt nicht so viel Platz für diese Meldung. Dass die Christen, die von Mossul nach Karaqosh flüchten mussten, dort auch nicht mehr sicher waren und ins kurdische Erbil weiterzogen, war vielleicht zu kompliziert. Aber dann kamen die Yeziden. Sie werden von den Islamisten genauso verfolgt und in die Berge getrieben wie die Christen. Doch sie sind nicht nur eine religiöse Minderheit, sondern auch noch ein eigener Volksstamm - und plötzlich war vom drohenden Genozid die Rede.
Plötzlich beginnt jede Nachrichtensendung mit einer ausführlichen Meldung über Frauen und Kinder, die im Gebirge in der Sonne liegen und verdursten. Kein Wort davon, dass es sich auch um Christen handelt. Es sind immer nur Yeziden.
Plötzlich diskutieren unsere Politiker darüber, ob man unter diesen Umständen Waffen in den Irak liefern kann - weil die ISIS die erobert hat, die früher mal geliefert wurden und die Kurden nicht mehr auf der Höhe der Zeit sind. Und weil die Yeziden von Auslöschung bedroht sind - nicht etwa, weil das im Irak seit 2.000 Jahren ansässige Christentum vor der Auslöschung steht.
| "Tausende"? "Kirche in Not" beziffert die Zahl der flüchtenden Christen zur gleichen Zeit in der gleichen Gegend mit 100.000! |
Plötzlich ist das alles wieder ein Thema. Wohlgemerkt: ich freue mich, wenn es denn endlich gelingen sollte, den Yeziden zu helfen. Aber: Wo sind die Journalisten und Politiker, die mal darauf aufmerksam machen, dass da noch mehr als nur die Yeziden systematisch verfolgt werden?
Da braucht es schon Cem Özdemir - ausgerechnet!!! - damit mal ein deutscher Politiker in die Kamera sagt "Yeziden und Christen"! Das hätte ich gerne von einem CDU-Menschen gehört! Warum fällt uns das so schwer? Was sind wir eigentlich für jämmerliche Christen, was sind wir nur für Heuchler, dass wir uns für andere einsetzen, aber unsere eigenen Geschwister nicht mal erwähnen, geschweige denn versuchen, sie zu schützen?