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Montag, 16. Februar 2015

Das Krokodil und die Hexe

Das kleine Krokodil neben mir ist von meinem Zauberstab fasziniert: "Woraus ist der?" will es wissen. Wir stehen zusammen mit einem Löwen, einem Eisbär, einem Elefanten (alle gezähmt oder wenigstens gut drauf), einem Fisch, einem Pinguin, zwei Fußballern, einem Zauberer und Batman am Straßenrand und warten darauf, dass der Rosenmontagszug losgeht.
Ich bin sehr stolz auf meinen Zauberstab, und so antworte ich wie aus der Pistole: "Buchenholz mit Drachenherzfaser." Das Krokodil ist angemessen beeindruckt. "Wo hast du den her?" "Hab ich bei Olivander gekauft, der macht die besten" sage ich mit Nachdruck. Das Krokodil möchte wissen, wo Olivander ist, aber es kennt die Winkelgasse nicht, da kann ich ihm jetzt auch nicht helfen.
"Was hat der gekostet? War der teuer?" "Oh ja, Drachenherzfaser ist ja schließlich nicht irgendein Material!" "Ich wette, er hat 100.000 Euro gekostet!" "Aber hör mal! Einen Zauberstab kannst du doch nicht in Euro bezahlen! Dafür brauchst du Zaubergeld." Das sieht das Krokodil ein und fragt nochmal: "Und was hat er jetzt gekostet?" "Ein Goldstück und ein paar kleine Silberlinge."
Das Krokodil ist zufrieden. Aber plötzlich sieht es mich mit seinen großen Augen fest an, ich kann förmlich sehen, wie es seinen Mut zusammennimmt für die nächste Frage. Die kommt dann ganz leise: "Aber in echt kannst du nicht zaubern, oder?"


Mittwoch, 22. Oktober 2014

Riddikulus - einfach lächerlich!


Am 5. Tag meiner Exerzitien war der Riddikuluszauber dran. Harry-Potter-Fans erinnern sich sofort an die Szene im dritten Film: Prof. Lupin bringt den Schülern bei, sich gegen einen Irrwicht zu wehren. Der ist deshalb so gefährlich, weil er sich individuell anpasst. Er nimmt die Gestalt der Sache oder Person an, vor der sein Opfer die größte Angst hat.
Im Film stellt sich Neville den schrecklichen Prof. Snape
in den Kleidern seiner Oma vor - und muss darüber lachen.
Zum Glück ist der Gegenzauber einfach: Man muss sich das Schreckliche, in das sich der Irrwicht verwandelt, in lächerlich verfremdeter Form vorstellen, dann verliert es seinen Schrecken und damit seine Macht.
Das Schöne ist: es funktioniert! Und zwar ohne Zauberspruch und -stab. Neu ist das Ganze allerdings nicht. Große Glaubenlehrer haben uns schon vor Hunderten von Jahren gesagt, dass man den Teufel auslachen müsse (Heilige Teresa von Avila) oder dass man ihn durch Possenreißerei verjagen könne (Martin Luther). Don Bosco war der Überzeugung: "Der Teufel hat Angst vor fröhlichen Menschen" und ebenso habe auch ich es erlebt.
Bleibt nur die Frage: welche Gestalt nimmt der Irrwicht bei Dir an, wenn er dir Angst machen oder Dich verführen will?
Überleg es Dir in Ruhe, stell Dich dieser Angst oder Schwäche. Überleg Dir eine groteske Verzerrung, und wenn er dann kommt - lach ihn einfach aus! Es funktioniert wirklich.

Montag, 20. Oktober 2014

Okklumentik im Kloster

Sie hat es getan!
Ich konnte es mir vorher ja nicht so ganz vorstellen, aber meine Exerzitienmeisterin hat mich tatsächlich über Harry Potter meditieren lassen.
Okay, der Fairness halber sollte man dazu sagen, dass es immer noch allerlei andere Texte dazu gab, aber das war oft, wie soll ich sagen... Ein Beispiel:
Ich liebe die rheinischen Mystiker! Unsere großen dominikanischen Mitbrüder Eckehard, Tauler und Seuse haben mir schon manche Exerzitien bereitet. Auch diesmal kamen sie wieder vor.
"Löse deinen Geist von allen Zwecken, denen er verpfändet ist, von aller Liebe, allen Gedanken, allem Wohlwollen der Geschöpfe; denn soll Gott in deinen Geist eingehen, so muss notwendigerweise das Geschöpfliche heraus" - so z.B. Johannes Tauler. Sehr schön und tief, aber ganz im Vertrauen: irgendwann wird die mittelalterliche Sprache einfach mühsam.
Bei J.K.Rowling klingt es so: "lösen Sie Ihren Geist von allen Gefühlen; machen Sie ihn leer, machen Sie ihn frei von allem und finden Sie Ruhe". Kenner wissen: das ist aus dem fünften Band, als Harry Okklumentik lernen muss.
Also habe ich mich zur Abwechslung mal an Prof. Snapes Anweisung gehalten und Okklumentik geübt. Böse Gedanken abwehren, leer werden, Ruhe finden. Super! Okay, dann fehlte noch, was ich mit dem leeren und ruhigen Geist machen soll. Das sagt Snape dem armen Harry nämlich nicht - und deswegen klappt es bei ihm ja auch nicht.
"Horror vacui" nennt die geistliche Literatur die Unfähigkeit des Menschen, nichts zu denken. Sobald der Geist leer ist, muss etwas rein. Bei den Mystikern ist das ganz klar: wir schaffen diese Leere für Gott. Bei Rowlings Harry Potter geht es viel um die Liebe, auch um die Seele und das Leben nach dem Tod, und all das hat klar christliche Züge - aber Gott kommt nicht vor.
Trotzdem hat es Spaß gemacht, die meditativen Basics (nichts anderes ist das Leeren des Geistes schließlich) mal als Okklumentikübung zu betrachten.

Nachtrag für Kenner: 
es gibt keinen Zauberspruch "Okklumens" oder so. Okklumentik ist eine reine Konzentrations- und Übungssache. Das Loslösen von Gefühlen und Gedanken kann man nicht herbeizaubern, es ist letztlich eine Frage der Disziplin, im Roman genauso wie im echten, geistlichen Leben.

Dienstag, 3. Juli 2012

Wer gibt, dem wird gegeben

Heute bin ich reich beschenkt worden. Aber ich will von vorne erzählen: 
Letzte Woche hatte ich Lust, mal wieder einen Band Harry Potter zu lesen. Ich kenne sie alle ziemlich gut, hatte aber lange keine Zeit mehr für diese Art von Lektüre gehabt. Seit ich in diesen Konvent versetzt worden bin (jetzt schon fast 10 Monate), war ich immer um die Bände rumgeschlichen, sie standen in der Bibliothek bei den Romanen, leider nur Band 2-7, der erste fehlte. 
Jetzt also: endlich Zeit! Ich in die Bibliothek, wenn nicht den ersten Band, dann einen anderen. Aber... die Bücher waren weg. Nach langem Suchen hab ich schließlich die Bibliotheksschwester gefragt und sie gestand mir ziemlich reumütig: "Ich hab die Harry Potters verschenkt. Die liest ja hier keiner."
Och Mensch! Aber eigentlich kein Problem, wozu leben wir mitten in einem Kinderdorf? Bald hatte ich ein Haus gefunden, das mir den ersten Band lieh. "Klar, wir können Ihnen alle leihen. Wir haben die ersten sechs Bände. Nur der siebte fehlt uns."
Gleichzeitig hatte ich aber auch auf Facebook diese Geschichte erzählt - und etliche Antworten bekommen. Eine davon: "Ich hab die Bücher und die Hörbücher. Ich kann Ihnen die Bücher schenken. Ich bring sie Ihnen vorbei." Und so kam es, dass ich heute einen meiner Facebook-Freunde, einen altkatholischen Pfarrer, mal persönlich kennen gelernt habe. Wir haben uns gut verstanden und jetzt sind wir Schwestern im Besitz von allen sieben HP-Bänden.
Unsere Bibliotheksschwester sagt dazu: "Wann immer ich im Leben etwas verschenkt habe, habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich selber noch reicher beschenkt werde."

Montag, 1. November 2010

Impressionen aus Deutschland: Bonsai

Im Anschluss an das U50-Treffen war ich bei meinen Eltern in Urlaub. Herrlich! Tagelang nur faul rumhängen und lesen, teilweise noch mit wunderbarer Herbstsonne...
Meine Urlaubslektüre war sehr gemischt. Ich hatte Frommes dabei (u.a. Meister Eckhard) und Spannendes (u.a. Harry Potter und die Heiligtümer des Todes), aber auch "Die Armut besiegen" von Muhammad Yunus, dem Friedensnobelpreisträger. Er beschreibt darin ausführlich sein Konzept der Grameenbank, die Mikrokredite und seine Vision für eine bessere Welt. 
Da er selber aus Bangladesch stamt, weiß er, wovon er spricht, wenn es um die Armen geht. Er vergleicht sie mit Bonsaibäumchen. Er schreibt: "Wenn man das beste Samenkorn vom höchsten Baum in einen 15 cm tiefen Blumentopf setzt, bekommt man ein genaues Abbild dieses Baumes - wenige Zemtimeter hoch. Der Samen ist vollkommen in Ordnung. Er hatte nur zu wenig Platz." 
Die Armen, so schreibt Yunus, seien für ihn Bonsai-Menschen: mit allen nötigen Fähigkeiten und Talenten, nur ohne die Möglichkeit, ihre Potentiale auszuschöpfen - weil ihnen schlicht das Kapital fehlt.
Das hat mich auf den Gedanken gebracht, ob wir Gott nicht manchmal zum Bonsai-Gott degradieren. Ich jedenfalls hatte eine Zeit, in der ich Ihm gerade mal eine Stunde in der Woche zugestanden habe. Darüber hinaus sollte er sich in meinem Leben nicht zu sehr ausbreiten. Erst später habe ich angefangen zu ahnen, wie groß Gott tatsächlich ist und wie machtvoll er von meinem Leben Besitz ergreifen will - wenn ich ihn nur nicht mehr einsperre in einen Blumentopf.