Samstag, 26. September 2015

Wir sind umgezogen!


Wir haben unsere homepage überarbeitet, besucht uns doch mal!
Auf unser Blog kommt man jetzt über  
Sehen wir uns dort...?

Montag, 31. August 2015

Frag doch mal... nach Urlaub!

Frag doch mal die Schwester, Teil 15:
Wie machen und wovon brauchen Schwestern eigentlich Urlaub?
Ehrlich gesagt: im ersten Moment war ich beleidigt, weil ich dachte, der Fragesteller macht sich über mich lustig oder will mir böse. Aber der Kontext der Frage war freundlich und so war schnell klar: Es war eine ehrliche Frage danach, wie wir eigentlich leben.
Also, erster Teil der Frage: wie machen wir Urlaub? - Sehr unterschiedlich!
Ich war jetzt zwei Wochen bei meiner Familie zu Besuch, ein häufiges Modell - wenn schwester noch Familie hat. Oft fahren aber auch mehrere Schwestern gemeinsam irgendwohin, z.B. in eine Ferienwohnung. Die meisten unserer eigenen Häuser haben auch kleine Einliegerwohnungen für Gäste, die man manchmal für Schwesternferien nutzen kann. Das ist aber nicht jedermanns Sache, man braucht doch einen gewissen Abstand.
Damit sind wir beim zweiten Teil der Frage: Wovon brauchen wir Urlaub? - Auch unterschiedlich!
Wir haben Schwestern, die eine Kinderdorffamilie leiten oder eine unserer Hausgemeinschaften, oder die sonst in irgendeiner Form Leitungsverantwortung übernommen haben. Die arbeiten meistens mehr als gut für die Gesundheit ist und sollten ihren Urlaub vom Arzt verordnet bekommen.
Dann gibt es Schwestern wie mich, die eine normale Arbeit haben, im Büro, im Haus, in einer Pfarrei etc. und daneben etliche Pöstchen und Aufgaben, die im Gemeinschaftsleben so anfallen. Wir brauchen unseren Urlaub genau wie jeder Arbeitnehmer, der zwar nicht kurz vor dem Burnout steht, aber doch hin und wieder einfach mal entspannen muss, um anschließend wieder mit Freude und neuer Kraft ranklotzen zu können.
Und schließlich gibt es noch die Schwestern, die keine große Arbeitsaufgabe mehr haben, weil sie zu alt oder krank sind. Sie haben kleine Aufgaben im Haus, manchmal auch noch in der Pfarrei, und natürlich sind sie die Stützen unseres gemeinsamen Gebetes. Tja, wovon brauchen diese Schwestern Urlaub? Natürlich sind sie nicht überarbeitet, aber die tägliche Routine und auch die normalen Zwänge und Rücksichtnahmen, die das Gemeinschaftsleben so mit sich bringt, können ganz schön Kraft kosten. Da tut es einfach gut, mal etwas anderes zu sehen, mal für kurze Zeit rauszukommen. Dann findet man seine Schwestern anschließend gleich wieder viel sympathischer.
Natürlich gibt es Verpflichtungen, die im Urlaub nicht enden. Wir bleiben Schwestern, auch wenn wir "privat" in der Sonne liegen und Eis schlecken. Als Ordensfrauen sind wir zum Stundengebet verpflichtet, das wir im Alltag morgens und abends beten. (Ursprünglich gibt es 7 "Horen", also Zeiten, zu denen gebetet wird, aber diese Verpflichtung gilt nur für die kontemplativen Gemeinschaften, nicht für uns apostolisch tätige Ordensleute.) Das Stundengebet soll den Tag durchziehen und ihn heiligen, und das tun wir, auch im Urlaub. Es ist wohl möglich, dass nicht jede Schwester dabei immer die volle Psalmzahl herunterbetet, wenn sie alleine ist, aber das ist auch nicht unbedingt nötig. Wir loben und preisen unseren Gott und pflegen unsere Beziehung zu ihm, gerade im Urlaub - mit dem Brevier und auf viele andere Arten. 

Freitag, 21. August 2015

Urlaub ist...

... ausschlafen!
... beim Brötchenholen einem eiligen Kunden den Vortritt lassen: "Ich habe Zeit"
... bei Regen mit einem Buch auf dem Sofa einkuscheln
... bei Sonne auf dem Balkon frühstücken
... mit einer alten Freundin stundenlang klönen
... mit den Nachbarskindern schwimmen gehen
... den Hummeln bei der Arbeit zusehen
... barfuß laufen

Freitag, 14. August 2015

Urlaub

Urlaub!
Ab sofort mache ich Urlaub.
Äh, wie jetzt? Schwester? Urlaub? Passt das?
Ja.
Oh ja!
Und vielleicht, ganz vielleicht, wenn ich sehr viel Lust dazu haben sollte, blogge ich auch im Urlaub ein bisschen.
Mal sehen.
Ansonsten: bis die Tage, erholt euch gut von mir, man liest sich!

Montag, 3. August 2015

Frag doch mal... nach der Natur!

Frag doch mal die Schwester, Teil 14:
Ist die Natur nicht grausam?
Anlass für diese Frage war der arme Löwe Cecil, über den z.Zt. so viel geschrieben wird. Nachdem er aus seinem Reservat gelockt und von einem Jäger rein zum Vergnügen, oder sagen wir mal aus sportlichem Ehrgeiz getötet wurde, braucht sein Rudel einen neuen Anführer. So weit, so gut. Aber was macht das Alphatier in so einem Löwenrudel, wenn es den Kampf um die Vorherrschaft gewonnen und seine Konkurrenten besiegt hat? Es beißt alle Jungen seiner Konkurrenten tot. Denn die könnten ihm schließlich auch gefährlich werden.
Und da setzt unsere Frage an: ist das nicht grausam?
Ja und nein.
Wieder möchte ich zuerst den Begriff klären, denn er hat zwei Bedeutungen. Man kann "grausam" benutzen im Sinne von "durch eine derartige Gefühlskälte, Skrupellosigkeit und meist Reuelosigkeit gekennzeichnet , dass es Grauen (im Sinne von Furcht, Entsetzen) hervorruft". Oder man benutzt das Wort adverbial, also für eine Tätigkeit. Die kann dann von einer derartigen Intensität sein, dass es starkes Leiden oder Unwohlsein hervorruft. Im ersten Fall hat "grausam" eindeutig eine moralische Komponente. Im zweiten nicht unbedingt.
Ich neige dazu, das Wort grausam moralisch zu verstehen. Cecils Nachfolger ist nicht grausam, wenn er die Jungen seiner Konkurrenten totbeisst. Er ist weder gefühlskalt, noch skrupellos oder reuelos. Er folgt seinem Instinkt, der sein Überleben sichert. Der Zahnarzt, der Cecil erschossen hat, den würde ich schon viel eher als grausam bezeichnen, denn der hat unnötiges Leid verursacht zum eigenen Vergnügen. Das nenne ich skrupellos und gefühlskalt - eben grausam.
Wie ist es nun mit der Natur insgesamt? Nehmen wir die moralische Komponente raus und sagen wir der Klarheit halber "schrecklich". Ja, die Natur ist wunderschön - aber es gibt eben auch diese andere, schreckliche Seite. Die Natur ist ein Kreislauf, ein ständiges Werden und Vergehen. Es kann kein neues Leben in all seiner Schönheit entstehen und seine Fülle entfalten, wenn nicht Altes vergeht und stirbt. Einfachstes Beispiel sind die Blätter, die im Herbst von den Bäumen fallen. Sie müssen fallen, nur so können neue nachkommen, nur so kann der Baum insgesamt wachsen - bis er irgendwann als ganzer stirbt. Bei uns Säugetieren fällt uns dieser Gedanke schwer, und wenn ein Löwe so brutal zur Sache geht, finden wir das fürchterlich - zu Recht! Ich meine: jeder Nichtvegetarier sollte vielleicht mal kurz innehalten, bevor er das ständige Fressen und Gefressenwerden in der Tierwelt als brutal abtut. Aber selbst der Körper eines Veganers ermordet permanent massenweise Bakterien und Viren - und ich für meinen Fall weine keine Träne um die Verlierer dieses ständigen Überlebenskampfes. Ist das jetzt grausam?
Ja, es ist nicht schön, dass wir nicht im Paradies leben, wo der Wolf beim Böcklein liegt und alle sich in Liebe und Harmonie verstehen. Das ist unsere Verheißung erst für das Ende der Zeit. Doch auch die Natur, die wir jetzt haben, ist von Gott geschaffen und von seinem Geist durchweht. Wir können seine Spuren darin überall finden. Es geht der ganzen Schöpfung wie uns Menschen: wir sind von Gott geliebt und gut geschaffen, haben uns aber vom Ursprung entfernt und warten jetzt voller Sehnsucht auf die Erlösung. Der Apostel Paulus sagt das im Brief an die Römer so: "Ich bin überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat; aber zugleich gab er ihr Hoffnung: Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt." (Kapitel 8, 18ff)

Montag, 27. Juli 2015

Frag doch mal... nach dem Feminismus!

Frag doch mal die Schwester, Teil 13:
Sind Schwestern Feministinnen?
Wie immer in dieser Reihe beantworte ich ja einfach die Fragen, die mir irgendwann irgendwo gestellt werden und freue mich über alles, was da kommt. Aber diese Frage finde ich schon besonders klasse, denn sie kommt von einem Mann, der uns schon eine ganze Weile kennt. Wenn er fragt, ob (alle) Schwestern Feministinnen seien, dann lässt mich das doch über unsere Außenwirkung nachdenken.
Andererseits könnte es natürlich sein, dass er unter einer Feministin einfach etwas anderes versteht als ich, insofern sollten wir vielleicht erst einmal die Begriffe klären.
Wenn man es ganz genau nimmt, dann tauchen die Vokabeln "Feministin" und "Feminismus" zum ersten Mal in Frankreich im späten 19. Jahrhundert auf. In Deutschland wurden diese Begriffe nicht sofort übernommen, weil sie rasch abwertend benutzt wurden. Erst in der zweiten Bewegung, in den 1970er Jahren, fingen auch die deutschen Frauen an, sich selber als Feministinnen zu bezeichnen. Gemeint war damit ganz grob gesagt die (politische) Bewegung der Frauenemanzipation, also die Befreiung der Frauen von Unterdrückung durch patriarchale Strukturen und das Streben nach Gleichberechtigung.
In diesem Sinne gibt es wahrscheinlich nicht so viele Ordensfrauen, die kämpferische Feministinnen sind. Es gibt sie, auch in den Reihen unserer Gemeinschaft der Dominikanerinnen von Bethanien. Aber es ist doch eine spezielle politische Richtung, die oft auch ein gewisses Aggressionspotential enthält. Und - etwas platt gesagt - der Kampf gegen die Männer liegt den meisten von uns nicht so.
Was uns aber sehr wohl liegt, das ist der Einsatz für Frauen. Eigentlich machen Frauenorden von Natur aus und von Anfang an nichts anderes, als die Rechte von Frauen zu stärken. Anfangs, als Frauen eigentlich nur als Ehefrauen und Mutter etwas galten, waren die Klöster die einzige echte Alternative. Die Ordensgemeinschaften des Mittelalters z.B. boten Frauen die Möglichkeit zu Bildung, Ansehen und Autonomie - wenn man so will zu Emanzipation.
Heute nehmen sich die Frauenorden gerne besonders der Mädchen und Frauen an. Wir Dominikanerinnen von Bethanien sind gegründet für Frauen, die straffällig geworden waren und keine Chance auf eine echte Rehabilitation hatten. Daraus ist u.a. der Schwerpunkt der Arbeit mit Gefangenen und mit Frauen in Not geworden. "Frauen in Not" bedeutet heute häufig Zwangsprostitution und Menschenhandel. Wer sich dagegen stemmt, kämpft zwar für Frauenrechte und auch gegen verbrecherische männliche Strukturen - aber ist sie deshalb eine Feministin? Ich weiß nicht...

Bild: sokaeiko@pixelio.de

Freitag, 24. Juli 2015

Priestermangel

Zölibatversteher, Teil 5
"Ohne den Zölibat hätten wir genug Priester!"
Dieses Argument kommt immer wieder, und - zugegeben - die Vermutung liegt nahe. Wenn die Rahmenbedingungen bei einem Job schwierig sind und irgendwann zu wenig Leute diesen Job machen, dann ist die Versuchung groß, die Bedingungen zu vereinfachen.
Aber ist das auch richtig? Und zwar meine ich "richtig" hier in doppelter Bedeutung:
1. Stimmt das überhaupt? 
2. Wenn es stimmt, ist es dann auch wahr und gut? 
Zu 1) muss ich zugeben: ich habe es nicht überprüft. Ich kenne keine Untersuchung darüber, ob z.B. die Zahl der evangelischen Pfarrer im Verhältnis zur Zahl der Gläubigen höher ist. Ich weiß auch nicht, wie viele ernsthafte Priesteramtskandidaten kurz vor der Weihe abspringen, weil sie sich den Zölibat nicht zutrauen. Oder so. Insofern bleibt dies eine Spekulation. 
Zu 2) gibt es schon Sinnvolleres zu sagen. 
Mal angenommen, wir hätten mehr Priester. Was wäre denn dann anders? Natürlich, überall stöhnen die Gläubigen, weil der Pfarrer überhaupt keine Zeit mehr hat und kaum noch eine Messe ist und die Seelsorgseinheiten immer größer werden - was soll also diese Frage? Ich meine es aber ernst: was wäre anders? 
Ich weiß, dass gerade alte Menschen oft das Bedürfnis nach der täglichen Messe haben und gleichzeitig die Wege nicht mehr schaffen. Aber kann die Lösung darin bestehen, dass die Priester rumflitzen und eine Minimesse nach der anderen zelebrieren? Oder müssten wir nicht eher lernen, das Sakrament neu zu entdecken? Wir alle können miteinander Gottesdienste gestalten und feiern. Die "Wort-Gottes-Feier" sollte keine Notlösung sein, sondern eine Chance für die Gemeinde, intensiv miteinander Gott zu preisen und sein Wort zu betrachten. Die Eucharistiefeier kann dann wieder etwas ganz Besonderes werden, wo es um ein anderes Geheimnis geht. Und gerade wir in den Klöstern sollten die eucharistische Anbetung pflegen und denen zugänglich machen, die dieses Sakrament vermissen.
Andere Frage: müssen die Priester die ganze Verwaltung machen? Dem Vorstand des Altenheims, des Kindergartens, des Krankenhauses vorsitzen? Muss der Pfarrer an fünf Abenden in der Woche in irgendwelchen Gremien rumsitzen? Ich übertreibe ein bisschen - aber nur ein bisschen. Es gibt viele Aufgaben, die unsere Pfarrer von der Sache her eigentlich gut an kompetente Laien delegieren könnten. Manchmal dürfen sie es rechtlich nicht, manchmal wollen sie es persönlich nicht, manchmal findet sich kein anderer oder die Gemeinde erwartet, dass "Herr Pastor" alles selber in der Hand hat.
Diese letzte Variante ist m.E. die schlimmste. Und sie ist es auch, deretwegen ich gar nicht unbedingt mehr Priester will. "Herr Pastor" muss nicht alles selber machen. Unsere Gemeinden sind voller fähiger Männer und Frauen. Und was getan werden muss, könnte man ganz gut aufteilen. Auf ehrenamtliche und hauptamtliche Laien, Diakone - naja und dann eben auch noch den Pastor. Pastor bedeutet "Hirte", davon hat eine gewöhnliche Herde genau einen. Natürlich wäre es schön, wenn die Seelsorgseinheiten kleiner wären, wieder normale Pfarren halt! Aber mal ganz ehrlich: viele Aufgaben, für die unbedingt der Priester kommen soll, könnte genauso gut auch der Diakon oder die Pastoralreferentin übernehmen? Bildet die Laien ordentlich aus und sie beerdigen unsere Verstorbenen genau so würdig, wie die Priester. Ehevorbereitung - ist ja wohl bei den Diakonen sowieso besser aufgehoben, oder? usw.
Ich bin in dieser Frage geprägt von meinen Jahren in Lettland. Die Kirche dort ist sehr priesterzentriert, d.h. der Priester hat dort eine hoch respektierte und wenig hinterfragte Stellung. Und weil er so zentral und wichtig und besonders ist, muss er auch alles machen. Nicht einmal Kommunion austeilen durften wir als Schwestern dort. Natürlich gibt es auch mehr Priester, aber dieses Priesterbild passt nicht zu Deutschland. Ich jedenfalls habe lieber ein paar Priester weniger, aber mit denen darf ich dann diskutieren und um den richtigen Kurs der Gemeinde ringen, anstatt auf ein passives "Ja und Amen" reduziert zu werden.

Mittwoch, 22. Juli 2015

Warum weinst du?

Heute feiern wir Maria Magdalena, die Patronin unserer Gemeinschaft. Das Evangelium des Festtages ist die Ostererzählung aus dem Johannesevangelium, Kapitel 20, 11-18: Maria stand draußen vor dem Grab und weinte. ...

Ich finde es sehr spannend, die verschiedenen Ostererzählungen zu vergleichen. Im einen Evangelium ist von zwei Frauen die Rede, im anderen von dreien, nur bei Johannes ist Maria von Magdala alleine. In den anderen Evangelien erklären der oder die Engel (mal einer, mal zwei), dass Jesus lebe, dass das schon in der Schrift stehe, usw. Bei Johannes nicht. Hier stellen die beiden Engel nur eine Frage: „Frau, warum weinst du?“ Maria versucht eine Erklärung – aber sie bekommt keine weitere Antwort.
Dann entdeckt sie Jesus, ohne ihn zu erkennen und der wiederholt die Frage des Engels: „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“
Keine theologische Abhandlung, wie Johannes es sonst schon mal gerne schreibt. Keine Predigt, nicht einmal eine Erklärung. Während in den anderen drei Evangelien am Ostermorgen der Verstand bemüht wird, geht es hier ums Gefühl: „Warum weinst du?“

Tja, warum weint Maria? „Sie haben meinen Herrn weggenommen.“ Selbst im Tod ist die Trauer noch zu steigern, denn der Leichnam des Geliebten ist verschwunden. Und so sucht sie den toten Körper, wenigstens das.

Die Männer im Gefolge Jesu reagieren ganz anders, als sie vom leeren Grab erfahren, das ist die Vorgeschichte zu diesem Evangelium: Maria Magdalena hatte das leere Grab entdeckt und den Jüngern davon erzählt. Daraufhin liefern sich Petrus und Johannes den berühmten Wettlauf zum Grab, wundern sich – und gehen wieder nach Hause. Erst danach beginnt die heutige Perikope: „Maria stand draußen vor dem Grab und weinte…“ Als die Apostel schon wieder weg sind, fängt es für die "Apostola Apostolorum" erst richtig an. Als die Männer zwar gläubig, aber verwundert gehen, bleibt sie in ihrem Schmerz da – und wird so zur ersten Zeugin der Auferstehung.
Niemand kommt Jesus so nahe wie sie, die weinende Maria Magdalena. Auch die anderen Ostererzählungen sind spannend, und jede hat einen eigenen Charakter, bis hin zu den Emmausjüngern und dem zweifelnden Thomas. Aber die Sehnsucht und die Liebe der Maria Magdalena ermöglichen eine Gottesbegegnung völlig anderer Art, stiller, inniger, fast wortlos. Erst aus dieser Begegnung erwächst der Predigtauftrag: „Geh und sag meinen Brüdern…“
Ich halte das für eine wichtige Aussage auch über uns: Jesus ist auferstanden! Eigentlich feiern wir das in jeder hl. Messe. Aber oft genug versuchen wir, dieses Geheimnis mit dem Verstand zu begreifen. Mir jedenfalls geht es immer wieder so – obwohl ich doch weiß, dass das Entscheidende hier nicht zu verstehen ist. Oder wir rennen los wie Petrus und Johannes, um irgendetwas zu tun, um das Wunder irgendwie zu fassen zu kriegen. Mit solchem Aktionismus kann man wohl Spuren des Wunders entdecken und das kann auch genügen um zu glauben. Aber ihm selber werden wir nur begegnen, wenn wir Jesus wirklich vermissen, wenn wir uns wirklich nach ihm sehnen. Und nur, wenn wir dieser unserer Sehnsucht auch Zeit und Raum geben, dann werden wir Gott so intensiv begegnen können wie Maria Magdalena. Immer wieder neu muss unsere Liebe und unsere Begegnung mit ihm der Anfang und Ursprung unserer Sendung sein.

Dienstag, 21. Juli 2015

Um Himmels Willen!

... oder Zölibatversteher Teil 4
Ich habe versucht, in drei Artikeln auf verschiedene Argumente einzugehen, die immer wieder gegen den Zölibat vorgebracht werden. Was dabei aber noch gar nicht richtig zur Sprache gekommen ist - und das finde ich typisch für dieses Thema! - ist die Frage: wozu gibt es den Zölibat eigentlich?

Ja, ich verzichte auf einen Partner und das Ausleben meiner Sexualität - aber wozu?
Ja, ich verzichte auf eigene Kinder - und wozu?
Ja, ich bin manchmal einsam - wozu bloß!?

In Teil 3 hatte ich Jesus zitiert. Der spricht davon, dass es Menschen gibt, die "um des Himmelreiches willen" ehelos leben (Evangelium nach Matthäus, Kapitel 19). Aber was heißt das?
Der wichtigste Sinn des Zölibates ist es darauf hinzuweisen, dass es mehr gibt als das Leben hier auf der Erde. Das, was uns Menschen normalerweise am wichtigsten ist, Besitz, Macht und eben die Fortpflanzung, das soll für diejenigen, die die neue Welt Gottes bauen, nicht so wichtig sein. Deshalb geloben Ordensleute Armut, Gehorsam und Keuschheit. Wir nennen das ein eschatologisches Zeichen, der Hinweis auf die letzten Dinge, der sich aus der Radikalität ableitet, mit der Jesus in seine Nachfolge ruft.
Natürlich gibt es vor allem später im Mittelalter auch viel profanere Gründe. Da ging es z.B. um die Besitztümer und die Macht der Geistlichen. Ein unverheirateter Bischof war freier und musste weniger Rücksicht nehmen als einer, der wie ein weltlicher Fürst seine Nachkommen versorgen wollte.
Klingt schrecklich? Ja und nein. Ein bisschen davon ist eigentlich geblieben. 
Auch wir heute leben zölibatär, um frei zu sein. Ich hätte sehr gerne Kinder gehabt, am liebsten eine Kinderdorffamilie, aber das ging nicht. Dieser Verzicht ist mir nicht leicht gefallen. Aber jetzt brauche ich mir auch keine Sorgen um Kinderkrankheiten zu machen, um die richtige Schule und falsche Freunde. Ich bin frei, sowohl für die Kinder in unseren Kinderdörfern da zu sein, als auch mal eben ein paar Jahre nach Lettland zu gehen und dort mitzuarbeiten, oder mich überall sonst einsetzen zu lassen, wo es nötig ist. Ich kenne Priester, die in keiner Pfarre länger als ein paar Jahre bleiben. Überall bauen sie eine tolle Arbeit auf (keine Ironie!), und sobald die alleine läuft, werden sie versetzt, weil ihr Schwung woanders gebraucht wird. Das geht mit einer Familie nicht. 
Und schließlich gibt es noch einen Aspekt, der m.E. immer zu kurz kommt. In Teil 1 dieser Reihe habe ich ihn schon angedeutet. Wir wählen diese Lebensform freiwillig. Viele Menschen leben quasi zölibatär, aber ohne es zu wollen. Ich könnte auf Anhieb ein Dutzend Menschen aus meinem Bekanntenkreis nennen, die ungewollt kinderlos sind, viele davon auch ohne Partner. Ich weiß nicht, wie es den Weltpriestern geht. Aber als Ordensfrau lebe ich meine Gelübde auch in Solidarität mit denen, die unfreiwillig arm, gehorsam oder eben ehelos leben müssen. Mancher Not können wir nicht abhelfen, aber wir können sie solidarisch aushalten und ihr so einen Sinn geben.

Freitag, 17. Juli 2015

Wer hat's erfunden?

...oder Zölibatversteher, Teil 3:
Ja, wer hat den Zölibat eigentlich erfunden? Jesus jedenfalls nicht!
Das ist eines der beliebtesten Argumente gegen diese Lebensform, und in der Tat kann man ganz schön ins Schwitzen kommen, wenn man sich bei seiner zölibatären Lebensweise auf den Zimmermannssohn aus Nazareth berufen will. Er ist zumindest nicht eindeutig in seinen Aussagen.
Einerseits beruft er seine Jünger vom Fleck weg: "Folge mir nach!" ohne Rücksicht auf deren Familien und Frauen (die bis auf Johannes alle Apostel schon hatten). Andere, die ihm folgen wollen, warnt er, der Menschensohn (also er selber) habe kein ordentliches Zuhause. Selbst die fundamentalsten sozialen Verpflichtungen, den Vater zu beerdigen und sich von der Familie zu verabschieden, verbietet er seinen Nachfolgern (Lk 9, 57-62). Wenn er seine zwölf Jünger aussendet, dann dürfen sie keine Sicherheiten mitnehmen. Sie sind zu zweit, haben die Kleider am Leib, einen Wanderstab und die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben. Sonst nichts. (Mk 6, Lk 9, Mt 10)
Das alles klingt nicht gerade familienfreundlich. 
Ja, Jesus betont sogar, wer seine Familie verlasse um ihm zu folgen oder um des Evangeliums willen, der werde alles vielfach zurück erhalten. Und er zählt auf, was seine Jünger alles verlassen sollen: "Häuser, Brüder, Schwestern, Väter, Mütter, Kinder oder Äcker". So berichten es Matthäus und Markus, der Evangelist Lukas fügt auch noch die Frauen hinzu (Lk 18, 29).
Aber - wie gesagt - so eindeutig ist das nicht, denn eigentlich ist Jesus gegen die Ehescheidung. (Mt 19, 12) Nur wenn ein Fall von Unzucht vorliegt, darf der Mann seine Frau aus der Ehe entlassen. Darauf maulen seine Jünger: "Wenn das die Stellung des Mannes in der Ehe ist, dann ist es nicht gut zu heiraten." (!) Und da erklärt ihnen Jesus, dass es Menschen gibt, die gar nicht zur Ehe fähig sind, auch wenn das schwer zu verstehen sei. "Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht, und manche haben sich selbst dazu gemacht - um des Himmelreiches willen. Wer es fassen kann, der erfasse es." Also scheint es verschiedene Wege zu geben, oder?
Etwa 300 Jahre nach Christus hat die Diskussion begonnen, ob Priester enthaltsam leben müssen. Im Jahr 325 (Konzil von Nicäa) hat die morgenländische Kirche das für sich abgelehnt. Die abendländische Kirche legte es 1139 im Zweiten Laterankonzil fest (und spaltet sich in der Reformation ja auch in dieser Frage erneut). 
Was bleibt? Jesus hat sich nicht hingestellt und gesagt: "Sooft ihr das Abendmahl feiert, darf nur ein Mann den Kelch segnen, der keine Frau berührt hat!" Oder so ähnlich. Das hat er nicht gesagt.
Aber er hat zu einer sehr radikalen Nachfolge aufgerufen. Diese Radikalität verträgt sich nicht mit einem normalen, bürgerlichen Familienleben. Um des Himmelreiches willen kann man schon mal auf Dinge verzichten, die uns normalerweise als zentral für unsere Existenz erscheinen. Das kann nicht jeder. Muss aber auch nicht, denn es gibt verschiedene Arten, Jesus zu folgen.

Donnerstag, 16. Juli 2015

Freiwillig? Naja...

... oder Zölibatversteher Teil 2:
Gestern habe ich über die Einsamkeit geschrieben und darüber, dass ich mir den Zölibat ja freiwillig ausgesucht habe. Die darauf folgenden Kommentare haben mich zu einer Zölibatsversteher-Reihe angeregt. Erster Teil war gestern, zweiter heute, wie viele es noch werden, hängt von euren Kommentaren ab! :)
Erster berechtigter (!) Einwand: der Zölibat ist nicht ganz so freiwillig, wie ich es dargestellt habe. Schließlich kann in der römisch katholischen Kirche niemand Priester werden, der nicht das Gelübde der Ehelosigkeit akzeptiert (von einigen speziellen Ausnahmen abgesehen).
Für die klassischen Orden gilt das auch: z.B. kann keine Frau in unserer Gemeinschaft Schwester werden, ohne das Gelübde der "Keuschheit in Ehelosigkeit" abzulegen. (Ich halte den Einwand für berechtigt, trotzdem widerspreche ich. Damit es klarer wird, überspitze ich die Diskussion mal etwas.)
"Ist das nicht Erpressung?"
.
Denn es muss ja kein Mann Priester und keine Frau Dominikanerin werden. Es gibt andere Berufe, die seelsorgliche Tätigkeiten ermöglichen, z.B. Diakon oder Pastoralreferent, und es gibt andere Möglichkeiten, der Dominikanischen Familie beizutreten, z.B. die Laiengemeinschaften. Aber wer diese eine spezielle Form (Priester/Schwester) wählt, muss die Bedingung des Zölibates akzeptieren.
"Typisch katholische Kirche!"
Ne, eigentlich nicht.
Eigentlich ist es doch bei den meisten Berufen so, dass man bestimmte Voraussetzungen mitbringen muss. Wer Polizist/in werden will, darf nicht einmal ein auffälliges Tattoo oder Piercing haben. Und jeder Beruf bringt seine eigenen Bedingungen mit sich: Kranken- und Altenpfleger werden kaum um den Schichtdienst herumkommen, und wer nicht schwindelfrei ist oder am liebsten drinnen arbeitet, sollte besser nicht Dachdecker werden. 
Mit anderen Worten: Augen auf bei der Berufswahl!

P.S.: Ich weiß natürlich, dass das jetzt sehr provozierend formuliert ist und nur einen kleinen Teilaspekt des Themas trifft, aber das musste eben auch mal gesagt werden. Ich fange aber mit dem dritten Teil lieber schon mal an...

Mittwoch, 15. Juli 2015

Über Beziehungen und Einsamkeit...

... oder Zölibatversteher Teil 1
Kürzlich hat Matthias Fritz in dem Blog "raumrauschen" über die Einsamkeit geschrieben, die ihn als Priester manchmal blitzartig überfällt. Ich fand das mutig, und es hat mich auch angesprochen, weil ich das Gefühl kenne. Ich lebe zwar in einer Gemeinschaft und habe damit ein völlig anderes Leben als ein sogenannter „Weltpriester“, aber auch in Gemeinschaft kann man einsam sein.
Als ich den Artikel auf Facebook geteilt hatte, war einer der Kommentare „Wie kann man einem Menschen die menschliche Beziehung verweigern?“ 
Ist unsere Lebensform heutzutage wirklich so exotisch geworden, dass sie einer Erklärung bedarf? Möglicherweise, jedenfalls möchte ich diese Frage nicht so stehen lassen.
"Wie kann man einem Menschen ... verweigern?" Ich weiß nicht, wie es Matthias Fritz geht, aber ich lebe den Zölibat freiwillig. Ich hatte ein normales Leben (was auch immer man darunter versteht) und habe dann ein zölibatäres gewählt. Insofern verweigert mir auch niemand etwas.
"die menschliche Beziehung": eine interessante Formulierung. Ob der Autor wirklich der Meinung ist, jeder Mensch ginge nur EINE Beziehung zu einem anderen Menschen ein? Ich lebe eine Fülle von Beziehungen, seit ich im Orden bin sogar noch viel mehr als vorher, und ich vermute, dass es den meisten Priestern ähnlich geht. Wie kommt man auf den Gedanken, wer zölibatär lebt, verzichte auf menschliche Beziehung? Oder ist gar nicht "die menschliche Beziehung" gemeint, sondern die eine ganz besondere Art von Beziehung, nämlich eine intime Liebesbeziehung? Ich glaube, in dieser Unschärfe liegt die Ursache für ein großes Missverständnis unserer Gesellschaft.
Ist uns diese eine, intime oder auch romantische Beziehung so wichtig, dass neben ihr alle anderen verblassen? Mal ganz ehrlich: Das ist vielleicht bei Rosamunde Pilcher so, aber doch nicht im wahren Leben! Wie viele Menschen gibt es heute in unserer Gesellschaft, die keinen Partner finden, mit ihrem Partner kreuzunglücklich sind oder ihn nach einigen Jahren wieder verlieren? Wenn wir mal die ideologische Brille abnehmen, dann sehen wir, dass Priester und Ordensleute die Wahl hatten, sich zum Zölibat zu verpflichten oder nicht. Was für eine Wahl haben die zahllosen Menschen in unserem Land, die ungewollt als Single leben? Manchmal ist es nur eine Phase von ein paar Jahren, aber manchmal auch ihr Leben lang. Ganz zu schweigen von denen, die in einer Partnerschaft ohne Liebe gefangen sind. Lebenslange romantische und sexuelle Erfüllung ist etwas aus der Parship-Reklame.
Ja, ich bin manchmal einsam und ich vermute, dass das vielen meiner Schwestern und auch vielen Priestern ähnlich geht. Das liegt an unserer Lebensform und ich finde es gut, dass und wie Matthias Fritz das zur Sprache gebracht hat. Aber die Vorstellung, ein Mensch hätte überhaupt erst dann eine nennenswerte Beziehung, wenn er ein zufriedenstellendes Intimleben hat, beleidigt einen nicht unerheblichen Teil unserer Gesellschaft. Und das Schimpfen auf den Zölibat lenkt vom eigentlichen Problem ab: mitten in der Gemeinschaft anderer Menschen kann man einsam sein. Jeder. Der Priester, die Ordensschwester, der Single, die Witwe... Und auch, wenn die Schärfe der Einsamkeit in dem Moment niemand nehmen kann, sollten wir aufeinander achten. Lassen wir einander wenigstens nicht allein!

Freitag, 10. Juli 2015

Ach, Thomas!

Ab sofort rede ich nur noch in kurzen Hauptsätzen.
Ich werde Fremdworte und schwierige Satzstellungen vermeiden.
Meine Texte werden höchstens drei Sätze haben.

Naja, vielleicht kann ich hier im Blog noch mal eine Ausnahme machen...? Sonst kriegt man ja echt nichts gesagt!
Mein Problem ist nur: Immer wieder treffe ich auf Leute, die einfach nicht richtig lesen, was ich schreibe. Und dann regen sie sich auf, was ich Schreckliches behauptet hätte - dabei habe habe ich gar nicht sie persönlich angesprochen oder was ganz anderes geschrieben. Oder so. Oder sie wiederholen ständig dieselben Argumente, weil sie nicht wahrnehmen, dass in der Diskussion schon drei Leute stichhaltige Gegenargumente gebracht haben. Oder so.
Ich finde solche Diskussionen anstrengend.
Vielleicht bin ich ja ein bisschen überempfindlich. Ich meine, heutzutage ist die Aufmerksamkeit eben nicht mehr so hoch. Im Internet schreibt man leicht mal schneller als man liest und der Ton ich auch rau. Muss ich das einfach als normal abhaken? - Nein, ich denke dann immer wieder an meinen Thomas.
Nicht was Sie jetzt denken! An meinen Bruder Thomas, also meinen dominikanischen Mitbruder: Thomas von Aquin. Der hat nämlich mindestens so gerne diskutiert wie ich - und zwar professionell.
Zu seiner Zeit, also im 13. Jahrhundert, war an den Universitäten eine bestimmte Form wissenschaftlicher Arbeiten weit verbreitet, die der Quaestiones. Er selber hat seine "Summe der Theologie" in dieser Art abgefasst, die als eine der größten theologischen Schriften gelten kann. Der Aufbau solcher Quaestiones besteht aus der Ausgangsfrage (Quaestio), den Argumenten pro und contra und schließlich der Auflösung.
Der Witz dabei ist, und deshalb muss ich beim Surfen manchmal an "meinen" Thomas denken: man muss erst versuchen, das Argument des Gegners zu verstehen, bzw. man muss selber pro- und contra-Argumente beibringen, bevor man schließlich die Frage auflöst. 
Genau das ist es aber, was uns in unseren hitzigen Debatten oft fehlt. Wir reden drauf los ohne den echten Willen, die Position des anderen zu verstehen, bevor wir unsere Antwort formulieren. Aber wer nicht verstehen will, der kann sich nicht verständigen. Wieviel fruchtbarer wäre manche unserer Diskussionen, wenn wir es wagen würden, einmal die "gegnerische" Position einzunehmen, nur probehalber, nur um uns in unseren Gesprächspartner hineinzufühlen!


Dienstag, 7. Juli 2015

Denn sie wissen, was sie tun

Gerade hat die Unesco neue Weltkulturerbestätten ernannt und sich gleichzeitig besorgt über die Zerstörung antiker Kulturdenkmäler durch den IS geäußert. Ich nehme das zum Anlass, etwas aufzuarbeiten, dass mich schon seit einiger Zeit beschäftigt. 
Ich habe mich  an dieser Stelle schon einmal über die Zerstörung eines antiken Grabes durch den IS geäußert, die Kulturlosigkeit dieser Fanatiker beklagt und an den guten Willen aller anderen appelliert. An sich wäre das Thema in diesem Blog also durch. Doch die Reaktionen auf diesen Artikel waren für mich erschreckend und vertraut zugleich, deshalb hier die wichtigsten in Kürze:
1) "Und wie war das mit der Zerstörung heidnischer Altäre durch die Könige Judas und Israels?" (wahlweise wird auch gerne der Heilige Bonifatius angeführt).
2) "Sie wissen nicht, was sie tun."
3) "Der Islam ist eben 600 Jahre jünger als das Christentum." - Soll heißen: Wir Christen waren vor 600 Jahren auch noch nicht so weit.
Und weil sie so oft in dieser oder ähnlicher Art kommen, möchte ich jetzt doch mal was dazu sagen:
Ad 1: Ja, wie war das? Nicht schön und nicht richtig war das. Kein historisch denkender Mensch wird abstreiten, dass auch die anderen Religionen der Welt Unrecht begangen haben bei ihren Versuchen sich auszubreiten. Das haben die Könige schon vor 3.000 Jahren in Israel getan, und das hat der Heilige Bonifatius vor über 1.000 Jahren getan, als er den armen Germanen ihre heilige Donar-Eiche gefällt hat. Nein, richtig war das nicht. Nur: wird das Unrecht der heutigen Verbrecher dadurch kleiner? Oder was will der Dichter mit diesem Hinweis überhaupt sagen?
Die Kämpfer des IS zerstören
die assyrischen Ruinen in Nimrud.
Quelle: Propagandavideo via The independent
Ad 2: Das bezweifle ich. Die Kämpfer des IS wollen gezielt die Zeugnisse vergangener Kulturen zerstören, weil sie eben nicht islamisch waren. Ich denke, sie wissen genau, was sie tun. Höchstens verstehen sie nicht, was sie sind: eines von vielen, vielen Grüppchen mit einer von vielen, vielen Glaubensüberzeugungen in der Weltgeschichte. (womit ich nicht den Islam als Religion meine, sondern den Fundamentalismus des "Islamischen Staates". Er ist eine von vielen Spielarten des Islam, so wie ja auch das Christentum nicht ein Block ist, sondern von vielen, vielen Gruppen und Grüppchen je unterschiedlich gelebt und interpretiert wird - im Laufe der Geschichte.)
Ad 3: Der Islam ist grob gesagt 1.400 Jahre alt. Als das Christentum so alt war, waren wir auch noch nicht so aufgeklärt und weltoffen, wie wir es heute sind. Richtig. Allerdings hatten wir Christen damals auch noch keine Industrialisierung und Digitalisierung erlebt. Ja, wir hatten noch nicht einmal Amerika entdeckt. Wer behauptete, dass sich die Erde um die Sonne dreht (wie Nikolaus Kopernikus), der konnte richtig Ärger bekommen, denn auf der Erde wohnt der Mensch, das Abbild Gottes, also muss sich alles um die Erde drehen. Magisches Denken war durchaus noch weit verbreitet (Hexenglauben!), es waren auch noch nicht die innerchristlichen Reformatoren mit ihren unbequemen Fragen aufgetreten, und folglich war schon der Gedanke, dass Menschen einen anderen Gott anbeten könnten als unseren, überaus erschreckend.
Seitdem hat sich die Welt ein wenig geändert. Nicht nur für uns Christen. Und wenn Moslems heute fernsehen, Handies und Internet souverän nutzen - auch für ihre Propaganda! - und locker rund um den Globus jetten, dann darf man doch wohl erwarten, dass sie auch mit ihren religiösen Überzeugungen in der Moderne ankommen.
Oder?

Montag, 6. Juli 2015

Frag doch mal ... nach der Abtreibung!

Frag doch mal die Schwester, Teil 12:
Ist Abtreibung erlaubt, wenn die Geburt des Kindes mit ziemlicher Sicherheit den Tod der Mutter zur Folge hätte? Dann wäre die Entscheidung für das Kind doch gleichzeitig Selbstmord, der ja auch verboten ist!
Die Frage hat verschiedene Unterpunkte, die für die Fragestellerin z.T. schon geklärt waren, die ich hier aber noch mal abhake, damit keine Missverständnisse entstehen:
1) Wir (die Fragestellerin und ich) gehen davon aus, dass Abtreibung ganz allgemein erst mal nicht in Frage kommt, weil sie menschliches Leben zerstört.
2) Wir gehen auch davon aus, dass Selbstmord, also die bewusste und willentliche Selbsttötung, für uns nicht in Frage kommt, weil sie dem Willen Gottes widerspricht.
3) Wir gehen in diesem Fallbeispiel davon aus, dass es praktisch keinen Zweifel am Tod der Mutter im Falle der Geburt gäbe. Das wird in der Realität nicht oft der Fall sein, aber es geht darum, eine moralisch-philosophische Grundsatzfrage zu klären.


Es bleibt die Frage: was wiegt schwerer, das Leben des ungeborenen Kindes oder das der Mutter? Und gibt es eine Vorschrift der Kirche für die Mutter/die Eltern?
Darauf ist die Antwort ziemlich eindeutig: es gibt keine klare Vorschrift. In einem solchen Fall ist die Entscheidung der Mutter und ihrem Gewissen überlassen, denn man kann von der Mutter nicht verlangen, sich für ihr Kind zu opfern. 
Ich persönlich finde ja, dass man einem Kind keinen Gefallen tut, wenn man ihm von Anfang an die Mutter nimmt, aber das kann man natürlich auch anders sehen und ich werde mich hüten, Empfehlungen zu geben. Ich bin ja nicht in dieser Situation. Mir bleibt nur, weiterhin fleißig für alle werdenden Mütter, bzw. Eltern zu beten, besonders für diejenigen, die in einer Konfliktsituation sind. Und für die Frauen/Eltern, die mal ein Kind verloren haben. Und für die Frauen, die mal abgetrieben haben. Und für die Frauen, die gerne schwanger wären, bei denen es aber nicht klappt.

Bildquelle: JMG@pixelio.de

Dienstag, 30. Juni 2015

Mörder!

Ich weiß nicht, ob das Strafmaß "lebenslänglich" gut oder schlecht ist, zu oft oder zu selten verhängt wird und ob es mehr Alternativen geben sollte. Aber eines ist mir in der Diskussion um die geplante Strafrechtsreform klar geworden:
In allen anderen Artikeln des deutschen Strafgesetzbuches werden Handlungen verurteilt. "Wer das und das tut, wird so und so bestraft." Andere Länder machen das auch bei Mord so: "Wer einen Menschen tötet, wird bestraft mit..." Nur wir machen bei diesem einen Delikt, bei §211, eine Ausnahme: "Der Mörder wird ... bestraft."
Durch die Tagesschau habe ich erfahren, dass diese Formulierung von den Nazis stammt und ich fände es wirklich gut, wenn sie geändert würde. Nicht wegen der Nazis. Sondern weil ein Denken aus ihr spricht, das - unabhängig von der Naziideologie!!! - immer noch weit verbreitet ist: der Täter wird mit seiner Tat identifiziert. Du hast gemordet, du bist ein Mörder. 
"Ja, was denn sonst?" höre ich jetzt die Einwände. "Wer gemordet hat, ist ein Mörder, ist doch klar." Ja, das ist schon richtig. Aber es geht um die Festlegung eines Menschen auf seine Tat. Beispiel:
Dennis macht mit 24 Jahren einen schrecklichen Fehler. Er lässt sich in eine krumme Sache reinziehen und begeht einen Mord. Er wird zu lebenslänglicher Haft verurteilt und nach 20 Jahren wegen guter Führung wieder entlassen. In der Haft hat er seinen Schulabschluss nachgeholt und sich verändert. Er ist bei seiner Entlassung noch keine 45 Jahre alt. Natürlich ist er immer noch ein Mörder, aber er hat die Tat weit hinter sich gelassen. Er möchte von vorne anfangen. 
Jetzt ist die Frage, ob wir einen Menschen verurteilen, weil er gemordet hat, oder weil er ein Mörder ist. Das eine ist Vergangenheit, das andere ist Gegenwart und bleibt vor allem auch in Zukunft so. Diese Wahrnehmung lässt Dennis keine Möglichkeit, sich zu verändern und jemals wieder ein volles Mitglied unserer Gesellschaft zu werden. Im Grunde schließt sie auch die Vorstellung echter Reue aus.
Nun wird man natürlich sagen müssen, dass das Opfer schließlich auch keinen Neuanfang machen kann. Das ist zwar richtig, nur gilt das leider bei so manch anderen Vergehen auch, z.B. hätte Dennis betrunken am Steuer einen Unfall gebaut, könnte u.U. ebenfalls ein Opfer lebenslange Schäden davontragen. Trotzdem würde außer den Zeitungen mit den großen Buchstaben niemand Dennis dauerhaft als den Unfallfahrer bezeichnen (hoffentlich). Wenn er aufhört zu trinken, würde man bald sagen, dass da einmal ein furchtbarer Unfall passiert ist, dass Dennis einmal einen schrecklichen Fehler gemacht hat.
Mich beschäftigt das Thema, weil es den Kern unserer Spiritualität trifft. Wir Dominikanerinnen von Bethanien sind gegründet für Frauen, die im Gefängnis rechtskräftig verurteilt waren. Im Frankreich des 19. Jahrhunderts hatten sie nach ihrer Entlassung keine Chance auf eine echte Rehabilitation. Doch unser Gründer, der Dominikaner P. Johannes Josef Lataste merkte, dass einige von ihnen eine Berufung zum Ordensleben hatten. So gründete er unsere Gemeinschaft, in der es keine Rolle spielen sollte, wer eine belastete Vergangenheit hatte und wer nicht. Das ist bis heute so. Jeder Mensch bekommt bei Gott eine neue Chance, wenn er oder sie sich bekehrt und neu anfangen möchte. Es gibt viele große Heilige als Beispiele dafür: Maria Magdalena, Paulus, Augustinus...
Auch wenn wir kein Kapitalverbrechen begangen haben, so leben wir doch alle von der Barmherzigkeit Gottes. Wie könnten wir einem Mitmenschen, der seine Fehler bereut und neu anfangen möchte, die zweite Chance verweigern?

Sonntag, 28. Juni 2015

Wackelzahn

Manchmal ist es ganz schön schwierig, in der Kirche ernst zu bleiben. Auch wenn es eigentlich um tiefere Dinge geht... Ich erzähl mal der Reihe nach:
Heute in der Messe  bin ich wie üblich zur Kommunion gegangen. So richtig können wir Menschen ja nicht verstehen, welches Wunder dort passiert, aber wenigstens versuchen wir es. Gott wird Brot, er macht sich winzig klein, um uns nahe zu sein. Mit solchen oder ähnlich frommen Gedanken stehe ich also in der Reihe, bin dran: "Der Leib Christi." "Amen." Schon will ich wieder zurück an meinen Platz, da sehe ich aus den Augenwinkeln neben mir Moritz*. 
Moritz ist fünf und weiß natürlich, dass er da vorne noch nicht dieses komische Plätzchen bekommt. Er geht trotzdem mit, weil der Priester allen Kleinen immer die Hand auf den Kopf legt. "Segnen" nennt das seine Kinderdorfmutter. 
Ich sehe also, wie er vor Pater Manuel steht, einem dominikanischen Mitbruder, der heute zur Messe gekommen war. Und bevor ich noch abdrehen und meiner Wege gehen kann, höre ich ein lautes: "Guck mal!" Da steht der Knirps und zeigt stolz einen Wackelzahn! Wer will denn gesegnet werden? Manchmal gibt es einfach Wichtigeres! Und Pater Manuel? Guckt sich das an und antwortet freundlich: "Oh ja, der muss aber bald raus!"
Den weiteren Dialog habe ich dann nicht mehr verfolgt, ich fand, anstandshalber sollte ich wenigstens so tun, als würde ich beten. Es ist mir natürlich nicht richtig gelungen, dazu hat mich diese kleine Szene zu sehr beschäftigt.
Ich fand das so beispielhaft für unsere Spiritualität: so sollen wir Dominikaner/innen sein. Wenn einer kommt und den Leib Christi erfragt, gibst du ihm den Leib Christi. Wenn aber einer kommt und dir etwas völlig anderes zeigt, das ihn bewegt, dann drängst du ihm Gott nicht auf, sondern interessierst dich erst mal für das, was diesen Menschen umtreibt. Wer weiß, vielleicht kommt ihr später noch auf Gott zu sprechen. Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. 
Na, und plötzlich war ich dann doch noch bei meiner Meditation angekommen, wenn auch ganz anders als gedacht: Gott macht sich klein. Er wird Brot, er wird Mensch. Er unternimmt alles, um uns nahe zu sein. Darum können wir ihm auch immer und überall begegnen. Auch in einem Kind mit Wackelzahn. 
Wenn das kein Wunder ist...

*Name wie immer bei unseren Kinderdorfkids geändert

Freitag, 26. Juni 2015

Frag doch mal ... nach der ewigen Verdammnis

Frag doch mal die Schwester, Teil 11:
Eigentlich war es nur Spaß, ein Foto auf Facebook, über das man den Kopf schüttelt und lacht, vielleicht sogar ein fake, wer weiß... Es ging um die Hölle und wer da alles reinkommt (Surfer, Skateboarder, Vegetarier, usw.). Aber dann wurde eine ernste Frage daraus:
"Gibt es einen Maßstab oder ein Merkmal, an dem ich erkennen kann, ob mich nach meinem irdischen Tod nicht auch der ewige Tod erwartet? Wenn ja, welchen?"
Das ist wieder so eine Frage, zu der es meterweise theologische Literatur gibt. Vielleicht klären wir erst mal die Begriffe: "ewiger Tod", was kann das sein? In diesem Zusammenhang meinte es die Hölle, aber was heißt das jetzt wieder?
Ich erkläre die Hölle gerne als ewiges Getrenntsein von der Liebe Gottes. Dazu passt auch die Formulierung "ewiger Tod", denn davon wäre das Gegenteil das "Ewige Leben" und bedeutete das Eingehen in die Liebe Gottes, die ewige Einheit mit Gott, umgangssprachlich eben den Himmel.
Dabei gehe ich von christlichen Vorstellungen und Lehren aus.
Also: woran kann ich jetzt erkennen, ob ich in die Hölle komme?
Jede Religion hat andere Vorstellungen von der Hölle und was man tun muss, um sie zu vermeiden. Das Christentum sagt klar: alleine schafft der Mensch das nicht. Muss er aber auch nicht. Denn Gott will nicht, dass wir Menschen verlorengehen, er will uns seine Liebe schenken und uns in seine Nähe holen. Weil wir zu schwach sind, diese Liebe richtig zu erwidern, hat er seinen Sohn Jesus geschickt, um uns den Weg zu zeigen und auch gleich von unserer Schuld zu befreien.
Ist denn jetzt alles gut? Die Hölle sowieso leer? Wozu die Aufregung?
Nein, so einfach ist es doch nicht. 
Gott schenkt uns seine Vergebung, seine Gnade. Dafür müssen wir nichts tun, nichts leisten. Wir müssen sie nur annehmen.
Es genügt, an die Liebe Gottes zu glauben und sie anzunehmen, dann ist uns das Ewige Leben sicher. (Natürlich hat dieser Glauben Konsequenzen. Wer glaubt, dass er von Gott so sehr geliebt ist, wie könnte der noch Böses tun? Aber das nur in Klammern, versteht sich ja eigentlich von selbst, oder nicht?) 
Beantwortet das schon die Frage? Ich fürchte nicht. Es fehlt noch ein entscheidender Punkt. Der Maßstab ist die Liebe. Habe ich die Liebe, dann habe ich das Leben. Aber woran erkenne ich das? Nun, man kann Gott einfach immer wieder fragen. Wer mit Gott spricht, hat die beste Chance, ihn irgendwann auch zu hören und zu verstehen. Konkret heißt das: Wir hören Gott in unserem Gewissen, in der Bibel, in der Lehre der Kirche. Und auch, wenn man doch mal gegen die Liebe verstößt (wir sagen "sündigt"), dann kann man immer noch die Kurve kriegen. In manchen Fällen hilft die Beichte, aber es gibt auch andere Arten, mit Gott wieder ins Reine zu kommen. Eine Garantie gibt es allerdings nicht. Wir können keine Platzreservierung für den Himmel erwerben, wir können nur an die Gnade Gottes glauben und auf seine Barmherzigkeit vertrauen. Er will unser Leben, nicht unseren Tod. Diesen Maßstab hat uns Jesus gezeigt.