Mittwoch, 15. Juli 2015

Über Beziehungen und Einsamkeit...

... oder Zölibatversteher Teil 1
Kürzlich hat Matthias Fritz in dem Blog "raumrauschen" über die Einsamkeit geschrieben, die ihn als Priester manchmal blitzartig überfällt. Ich fand das mutig, und es hat mich auch angesprochen, weil ich das Gefühl kenne. Ich lebe zwar in einer Gemeinschaft und habe damit ein völlig anderes Leben als ein sogenannter „Weltpriester“, aber auch in Gemeinschaft kann man einsam sein.
Als ich den Artikel auf Facebook geteilt hatte, war einer der Kommentare „Wie kann man einem Menschen die menschliche Beziehung verweigern?“ 
Ist unsere Lebensform heutzutage wirklich so exotisch geworden, dass sie einer Erklärung bedarf? Möglicherweise, jedenfalls möchte ich diese Frage nicht so stehen lassen.
"Wie kann man einem Menschen ... verweigern?" Ich weiß nicht, wie es Matthias Fritz geht, aber ich lebe den Zölibat freiwillig. Ich hatte ein normales Leben (was auch immer man darunter versteht) und habe dann ein zölibatäres gewählt. Insofern verweigert mir auch niemand etwas.
"die menschliche Beziehung": eine interessante Formulierung. Ob der Autor wirklich der Meinung ist, jeder Mensch ginge nur EINE Beziehung zu einem anderen Menschen ein? Ich lebe eine Fülle von Beziehungen, seit ich im Orden bin sogar noch viel mehr als vorher, und ich vermute, dass es den meisten Priestern ähnlich geht. Wie kommt man auf den Gedanken, wer zölibatär lebt, verzichte auf menschliche Beziehung? Oder ist gar nicht "die menschliche Beziehung" gemeint, sondern die eine ganz besondere Art von Beziehung, nämlich eine intime Liebesbeziehung? Ich glaube, in dieser Unschärfe liegt die Ursache für ein großes Missverständnis unserer Gesellschaft.
Ist uns diese eine, intime oder auch romantische Beziehung so wichtig, dass neben ihr alle anderen verblassen? Mal ganz ehrlich: Das ist vielleicht bei Rosamunde Pilcher so, aber doch nicht im wahren Leben! Wie viele Menschen gibt es heute in unserer Gesellschaft, die keinen Partner finden, mit ihrem Partner kreuzunglücklich sind oder ihn nach einigen Jahren wieder verlieren? Wenn wir mal die ideologische Brille abnehmen, dann sehen wir, dass Priester und Ordensleute die Wahl hatten, sich zum Zölibat zu verpflichten oder nicht. Was für eine Wahl haben die zahllosen Menschen in unserem Land, die ungewollt als Single leben? Manchmal ist es nur eine Phase von ein paar Jahren, aber manchmal auch ihr Leben lang. Ganz zu schweigen von denen, die in einer Partnerschaft ohne Liebe gefangen sind. Lebenslange romantische und sexuelle Erfüllung ist etwas aus der Parship-Reklame.
Ja, ich bin manchmal einsam und ich vermute, dass das vielen meiner Schwestern und auch vielen Priestern ähnlich geht. Das liegt an unserer Lebensform und ich finde es gut, dass und wie Matthias Fritz das zur Sprache gebracht hat. Aber die Vorstellung, ein Mensch hätte überhaupt erst dann eine nennenswerte Beziehung, wenn er ein zufriedenstellendes Intimleben hat, beleidigt einen nicht unerheblichen Teil unserer Gesellschaft. Und das Schimpfen auf den Zölibat lenkt vom eigentlichen Problem ab: mitten in der Gemeinschaft anderer Menschen kann man einsam sein. Jeder. Der Priester, die Ordensschwester, der Single, die Witwe... Und auch, wenn die Schärfe der Einsamkeit in dem Moment niemand nehmen kann, sollten wir aufeinander achten. Lassen wir einander wenigstens nicht allein!

Kommentare:

  1. Und auch in einer intiemen Beziehung können Momente dieser Einsamkeit vorkommen. - Das bedeutet übrigens nicht (!), dass mit dieser Beziehung etwas nicht in Ordnung wäre.

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    1. Danke für den Hinweis. Vielleicht gehört das Einsamsein zum Menschen einfach ein Stück weit dazu? Darüber lohnte es sich mal etwas länger nachzudenken.

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  2. Also zuerst einmal Danke für die Erwähnung, dass es auch außerhalb des Klerus und der Orden "zölibatär" lebende Menschen gibt - mit und ohne "Beziehungen". Über die Freiwilligkeit kann man diskutieren. Lebt ein Priester oder ein Ordensmensch, der/die sich verliebt, tatsächlich "freiwillig" zölibtär? Lebt ein/e Witwe/r wirklich freiwillig als Single? Und was ist mit jenen ZölibatsgeloberInnen, die trotz ihres ursprünglichen Gelöbnisses eine intime Beziehung eingehen, zeitweilig oder dauerhaft? Unser Pfarrer hat am letzten Sonntag etwas sehr Schönes gesagt: "Jesus hat sie ausgesandt, und er hat sie zu ZWEIT ausgesandt." Es war das Herrenwort, dass keiner alleine gehe. Und es steht mehrmals geschrieben: "Es ist nicht gut, wenn der Mensch alleine sei, ..." (Schon Genesis) oder ähnlich woanders ... Auch das sind "Herrenworte". "Gehorsam" wäre auch DA manchmal angesagt... Viele "Gesetze" sind nicht "Herrenworte" sondern Menschenworte. Und also solche sind sie auch zu berhandeln... (Wort der lebendigen Monika ;) )

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    1. "Wort der lebendigen Monika"? "Dank sei Gott"! :)
      Ja, über die Freiwilligkeit kann man diskutieren. Ich meine ja, dass die meisten Menschen eher nicht freiwillig alleine leben, weder die jungen Singles, noch die Getrennten/Geschiedenen, noch die Witwen/Witwer. Viele arrangieren sich sehr gut damit und schätzen die Vorzüge, die Freiheit, die das Alleinsein bringt, das heißt aber nicht, dass sie es sich ausgesucht hätten oder es sich wünschen.
      Etwas anderes ist die Zweisamkeit der Zölibatären. Der Herr sandte die Jünger zu zweit aus - aber nicht als (Liebes-)Paare. Zwei, die sich gegenseitig helfen und bestärken, sind gut und wichtig. Zwei, die sich gegenseitig lieben, sind schön, aber sie brauchen auch viel Energie für ihre Beziehung. "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei" ist übrigens kein sogenanntes Herrenwort, sondern stammt vom Schöpfer selber. Darum brauchen wir uns aber nicht zu streiten: Jesus hat den Zölibat nicht eingeführt, das kam ein paar Jahrhunderte später.

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  3. So isses! Danke für diesen Beitrag! Ich bin zwar nicht in einem Ordensstand aber lebe als Single ebenfalls "zölibatär" oder was gemeinhin in dieser Gesellschaft so darunter (miss-)verstanden wird. Aber deshalb bin ich doch noch lange nicht beziehungslos !!! Es gibt viele Menschen, mit denen ich in Beziehung bin. Zugegebenermaßen vielleicht weniger als in einer Ordensgemeinschaft, die zusammen lebt. Aber als Christ ist man ja schon insofern nie "beziehungslos", weil man an Gott glaubt.

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