Dienstag, 21. Juli 2015

Um Himmels Willen!

... oder Zölibatversteher Teil 4
Ich habe versucht, in drei Artikeln auf verschiedene Argumente einzugehen, die immer wieder gegen den Zölibat vorgebracht werden. Was dabei aber noch gar nicht richtig zur Sprache gekommen ist - und das finde ich typisch für dieses Thema! - ist die Frage: wozu gibt es den Zölibat eigentlich?

Ja, ich verzichte auf einen Partner und das Ausleben meiner Sexualität - aber wozu?
Ja, ich verzichte auf eigene Kinder - und wozu?
Ja, ich bin manchmal einsam - wozu bloß!?

In Teil 3 hatte ich Jesus zitiert. Der spricht davon, dass es Menschen gibt, die "um des Himmelreiches willen" ehelos leben (Evangelium nach Matthäus, Kapitel 19). Aber was heißt das?
Der wichtigste Sinn des Zölibates ist es darauf hinzuweisen, dass es mehr gibt als das Leben hier auf der Erde. Das, was uns Menschen normalerweise am wichtigsten ist, Besitz, Macht und eben die Fortpflanzung, das soll für diejenigen, die die neue Welt Gottes bauen, nicht so wichtig sein. Deshalb geloben Ordensleute Armut, Gehorsam und Keuschheit. Wir nennen das ein eschatologisches Zeichen, der Hinweis auf die letzten Dinge, der sich aus der Radikalität ableitet, mit der Jesus in seine Nachfolge ruft.
Natürlich gibt es vor allem später im Mittelalter auch viel profanere Gründe. Da ging es z.B. um die Besitztümer und die Macht der Geistlichen. Ein unverheirateter Bischof war freier und musste weniger Rücksicht nehmen als einer, der wie ein weltlicher Fürst seine Nachkommen versorgen wollte.
Klingt schrecklich? Ja und nein. Ein bisschen davon ist eigentlich geblieben. 
Auch wir heute leben zölibatär, um frei zu sein. Ich hätte sehr gerne Kinder gehabt, am liebsten eine Kinderdorffamilie, aber das ging nicht. Dieser Verzicht ist mir nicht leicht gefallen. Aber jetzt brauche ich mir auch keine Sorgen um Kinderkrankheiten zu machen, um die richtige Schule und falsche Freunde. Ich bin frei, sowohl für die Kinder in unseren Kinderdörfern da zu sein, als auch mal eben ein paar Jahre nach Lettland zu gehen und dort mitzuarbeiten, oder mich überall sonst einsetzen zu lassen, wo es nötig ist. Ich kenne Priester, die in keiner Pfarre länger als ein paar Jahre bleiben. Überall bauen sie eine tolle Arbeit auf (keine Ironie!), und sobald die alleine läuft, werden sie versetzt, weil ihr Schwung woanders gebraucht wird. Das geht mit einer Familie nicht. 
Und schließlich gibt es noch einen Aspekt, der m.E. immer zu kurz kommt. In Teil 1 dieser Reihe habe ich ihn schon angedeutet. Wir wählen diese Lebensform freiwillig. Viele Menschen leben quasi zölibatär, aber ohne es zu wollen. Ich könnte auf Anhieb ein Dutzend Menschen aus meinem Bekanntenkreis nennen, die ungewollt kinderlos sind, viele davon auch ohne Partner. Ich weiß nicht, wie es den Weltpriestern geht. Aber als Ordensfrau lebe ich meine Gelübde auch in Solidarität mit denen, die unfreiwillig arm, gehorsam oder eben ehelos leben müssen. Mancher Not können wir nicht abhelfen, aber wir können sie solidarisch aushalten und ihr so einen Sinn geben.

Kommentare:

  1. Danke. Ich habe heute im Buch "Die reuelose Gesellschaft" von Rotraud A. Perner im Kapitel "Die Lügen der Unkeuschheit"den Hinweis auf "die Mahnungen des heiligen Paulus (1 Kor. 7, 1-37) gefunden und bei Paulus nachgeschlagen: Und siehe da: 1 Kor 7/25: "Was die Frage der Ehelosigkeit angeht, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat, als einer, den der Herr durch sein Erbarmen vertrauenswürdig gemacht hat." Soviel zu Ehe und Jungfräulichkeit. Und zu den Bischöfen schreibt Paulus: 1 Tim 3/ 2-5: "Deshalb soll der Bischof ein Mann ohne Tadel sein , nur einmal verheiratet, nüchtern, besonnen, von würdiger Haltung, gastfreundlich, fähig zu lehren. ... Er soll ein guter Familienvater sein und seine Kinder zu Gehorsam und allem Anstand erziehen. Wer seinem eigenen Hauswesen nicht vorstehen kann, wie soll der für die Kirche Gottes soargen? "Ja, es stimmt. Kinder und Familie machen unfrei. Und die zeitgenössischen Bischöfe sind gut beraten, solcherart frei zu sein, denn das Amt scheint eine familienfeindliche Knochenmühle zu sein. Und doch: Eine Familie muss kein dauerhaftes Hindernis sein. Familien sind mitunter irgendwann "fertig". Meine zumindest ist es. Mein Sohn ist groß und selbstständig, hilft mir sogar, wenn es sein muss. Die Eltern sind begraben, und brauchen mich auch nicht mehr. Jetzt bin ich auch frei, zölibatär, arm und stehe gehorsam zur Nachfolge bereit... ;)

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    1. Alles richtig, Monika, nur in einem muss ich widersprechen: wenn man immer warten wollte, bis die Familie "fertig" ist, hätte man keine jungen Pastöre, dabei sind doch gerade die für die Jugendpastoral und für den frischen Wind so wichtig. Und es ist halt unterschiedlich: beim einen ist die Familienphase nach 20 Jahren abgeschlossen, dann ist vielleicht noch ein Ehepartner da, der sich aber gerne mitversetzen ließe. Beim anderen ist eines der Kinder krank oder sonstwie außergewöhnlich bedürftig, oder die Ehe hat sich nicht so entwickelt wie gehofft und der Partner geht eben nicht freudig mit in die nächste Pfarrei, sondern möchte auch endlich mal zu seinem/ihrem Recht kommen... usw.
      Wie man es dreht und wendet: der Zölibat hat seine Nachteile - aber die verheirateten Pfarrer und Pfarrerinnen haben es auch nicht leicht! Nicht umsonst ist die Scheidungsrate in evangelischen Pfarrhäusern höher als in der Durchschnittsbevölkerung.

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  2. Richtig schön geschrieben, wie auch schon ihre vorherigen Texte zum Zölibat. Zölibat wird ja oft gesehen als Zwang, unnatürlich, "da muss man ja komisch werden, wenn man keine Frau haben darf" (was jetzt die Priester betrifft) - das hatte ich auch schon oft gehört und selbst auch schon verinnerlicht. Bis ich einen Priester kennen lernen durfte, bei dem ich spürte, dass das alles, was wir für so wichtig halten, gar nicht zählt. Dass er das Zölibat überhaupt nicht als Zwang emprfindet, sondern dass er eine Liebe gefunden hat, die größe ist als die zu einem Menschen. Eine größere innere Freude und Freiheit als dieser Priester kann man nicht mehr ausstrahlen. Und mir kam ein Gedanke, den ich vorher nicht im entferntesten je gehabt hatte: wenn es Gott gibt, dann macht dieser Priester ja alles richtig, dann kümmert er sich ja um das Wichtigste, was es überhaupt gibt: die Liebe zu Gott und diese Liebe den Menschen mitzuteilen. Und ich habe zum ersten Mal gespürt, dass es so etwas wie einen freiwilligen Gehorsam gibt, der mit Zwang nicht das Geringste zu tun hat. Im Gegenteil, der glücklich macht. Hätte ich, wie gesagt, nie für möglich gehalten. Ich hoffe, Sie verstehen einigermaßen, was ich meine.
    Deshalb finde ich es sehr schön, das auch mal von einer Frau zu hören, nachdem heute ja auch schon viele Ordensschwestern über den Zölibat lästern, was ich auch schon erlebt habe...

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    1. Ich verstehe sehr gut, was Sie meinen und freue mich über diese Ergänzung. "Die Liebe zu Gott" ist ein Ausdruck, der eigentlich dringend in einen meiner Texte gehört hätte! Ja, es ist wohl so, dass immer mehr Menschen einfach nicht mehr wissen, was der Zölibat soll. Schade. Umso wichtiger finde ich es, Zeugnis zu geben. Einen gesegneten Tag!

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