Dienstag, 7. Juli 2015

Denn sie wissen, was sie tun

Gerade hat die Unesco neue Weltkulturerbestätten ernannt und sich gleichzeitig besorgt über die Zerstörung antiker Kulturdenkmäler durch den IS geäußert. Ich nehme das zum Anlass, etwas aufzuarbeiten, dass mich schon seit einiger Zeit beschäftigt. 
Ich habe mich  an dieser Stelle schon einmal über die Zerstörung eines antiken Grabes durch den IS geäußert, die Kulturlosigkeit dieser Fanatiker beklagt und an den guten Willen aller anderen appelliert. An sich wäre das Thema in diesem Blog also durch. Doch die Reaktionen auf diesen Artikel waren für mich erschreckend und vertraut zugleich, deshalb hier die wichtigsten in Kürze:
1) "Und wie war das mit der Zerstörung heidnischer Altäre durch die Könige Judas und Israels?" (wahlweise wird auch gerne der Heilige Bonifatius angeführt).
2) "Sie wissen nicht, was sie tun."
3) "Der Islam ist eben 600 Jahre jünger als das Christentum." - Soll heißen: Wir Christen waren vor 600 Jahren auch noch nicht so weit.
Und weil sie so oft in dieser oder ähnlicher Art kommen, möchte ich jetzt doch mal was dazu sagen:
Ad 1: Ja, wie war das? Nicht schön und nicht richtig war das. Kein historisch denkender Mensch wird abstreiten, dass auch die anderen Religionen der Welt Unrecht begangen haben bei ihren Versuchen sich auszubreiten. Das haben die Könige schon vor 3.000 Jahren in Israel getan, und das hat der Heilige Bonifatius vor über 1.000 Jahren getan, als er den armen Germanen ihre heilige Donar-Eiche gefällt hat. Nein, richtig war das nicht. Nur: wird das Unrecht der heutigen Verbrecher dadurch kleiner? Oder was will der Dichter mit diesem Hinweis überhaupt sagen?
Die Kämpfer des IS zerstören
die assyrischen Ruinen in Nimrud.
Quelle: Propagandavideo via The independent
Ad 2: Das bezweifle ich. Die Kämpfer des IS wollen gezielt die Zeugnisse vergangener Kulturen zerstören, weil sie eben nicht islamisch waren. Ich denke, sie wissen genau, was sie tun. Höchstens verstehen sie nicht, was sie sind: eines von vielen, vielen Grüppchen mit einer von vielen, vielen Glaubensüberzeugungen in der Weltgeschichte. (womit ich nicht den Islam als Religion meine, sondern den Fundamentalismus des "Islamischen Staates". Er ist eine von vielen Spielarten des Islam, so wie ja auch das Christentum nicht ein Block ist, sondern von vielen, vielen Gruppen und Grüppchen je unterschiedlich gelebt und interpretiert wird - im Laufe der Geschichte.)
Ad 3: Der Islam ist grob gesagt 1.400 Jahre alt. Als das Christentum so alt war, waren wir auch noch nicht so aufgeklärt und weltoffen, wie wir es heute sind. Richtig. Allerdings hatten wir Christen damals auch noch keine Industrialisierung und Digitalisierung erlebt. Ja, wir hatten noch nicht einmal Amerika entdeckt. Wer behauptete, dass sich die Erde um die Sonne dreht (wie Nikolaus Kopernikus), der konnte richtig Ärger bekommen, denn auf der Erde wohnt der Mensch, das Abbild Gottes, also muss sich alles um die Erde drehen. Magisches Denken war durchaus noch weit verbreitet (Hexenglauben!), es waren auch noch nicht die innerchristlichen Reformatoren mit ihren unbequemen Fragen aufgetreten, und folglich war schon der Gedanke, dass Menschen einen anderen Gott anbeten könnten als unseren, überaus erschreckend.
Seitdem hat sich die Welt ein wenig geändert. Nicht nur für uns Christen. Und wenn Moslems heute fernsehen, Handies und Internet souverän nutzen - auch für ihre Propaganda! - und locker rund um den Globus jetten, dann darf man doch wohl erwarten, dass sie auch mit ihren religiösen Überzeugungen in der Moderne ankommen.
Oder?

Kommentare:

  1. Einverstanden, liebe Schwester Barbara! Ich finde die Bemerkungen (1) bis (3) auch sehr seltsam. Ihre Klarstellungen sind richtig und wichtig!

    Nur eine Anmerkung. Sie schreiben: "Wir waren noch fest davon überzeugt, dass die Erde eine Scheibe ist". Wenn Sie mit "Wir" die Christenheit in Europa vor 1400 meinen, vertreten durch die Kirche, dann stimmt das so nicht ganz.

    Dass man im "finsteren Mittelalter" (und davor sowieso) an eine Erdscheibe glaubte, ist eine Legende des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, die dazu diente, die Kirche als rückständig und wissenschaftsfeindlich darzustellen. Zu den antiklerikalen Promotoren des Scheiben-Mythos zählen u.a. Thomas Paine und Washington Irving. Die Annahme, dass die mittelalterliche Christenheit an eine Erdscheibe geglaubt habe, wird heute von der Historical Association of Britain als weitverbreiteter historischer Irrtum aufgelistet.

    Wahr ist stattdessen, dass die Kirche weder in ihrer offiziellen Lehrposition noch mehrheitlich die Auffassung vertrat, die Erde sei eine Scheibe. Tatsächlich hielt sie an der antiken Vorstellung einer kugelförmigen Erde fest, als die sie Pythagoras, Platon, Aristoteles und andere Gelehrte des Altertums beschrieben hatten. Kirchenväter der Spätantike wie Ambrosius von Mailand und Augustinus vertraten die Kugelthese ebenso wie Isidor von Sevilla (7. Jahrhundert), der die Erde frei heraus pila ("Ball") und globus ("Kugel") nennt.

    Folgerichtig hielt Karl der Große im Jahr 800 eine Weltkugel in der Hand (den "Reichsapfel") - und keinen Teller. Das bekannteste Astronomiebuch des Hochmittelalters (erschienen im 13. Jahrhundert) hieß Liber de Sphaera ("Buch der Kugel"). Thomas von Aquin vertrat (ebenfalls im 13. Jahrhundert) auch eine kugelförmige Erdgestalt: Astrologus demonstrat terram esse rotundam per eclipsim solis et lunae ("Der Sternenkundige beweist durch Sonnen- und Mondfinsternis, dass die Erde rund ist", Summa theologica I q1 a1 ad2). Und der Entdecker Amerikas, Christoph Columbus, von dem oft behauptet wird, er sei mit seinen Reiseplänen bei der Kirche deshalb auf Skepsis gestoßen, weil man Angst gehabt habe, er segle quasi von der Erdscheibe runter, wusste von der Kugelform gerade durch einen gelehrten Kirchenmann, nämlich Kardinal Pierre d'Ailly, dessen Werk Imago mundi (1410) Columbus überhaupt erst inspiriert hatte, den Seeweg nach Indien zu suchen.

    Also, alles in den ersten 1400 Jahren Christenheit...

    LG, JoBo

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    1. Vielen Dank für die Korrektur, inzwischen bin ich auch von anderer Seite aufmerksam gemacht worden und habe den Satz korrigiert. Ich bin immer wieder erstaunt, wer dieses Blog alles liest. Flapsige Bemerkungen darf ich mir tatsächlich nicht mehr erlauben! Sie beruht v.a. auf dem (immerhin "weitverbreiteten") Irrtum, Kolumbus sei bei seiner Fahrt noch unsicher gewesen - aber ich gestehe, dass ich auch nicht so genau nachgedacht habe. Dabei kommt mir eine andere Frage, über die mal nachzudenken und zu schreiben lohnte: Wenn auch die Theologen und die Offiziellen der Kirche etwas lehren (z.B. dass die Erde eine Kugel ist), ist es deshalb auch im Bewusstsein des Volkes verbreitet? Dabei interessiert mich allerdings weniger das Mittelalter als vielmehr die aktuelle Lehre der Kirche bzgl. des Islam. Aber wie gesagt: ein anderes Thema.

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  2. "Flapsige Bemerkungen darf ich mir tatsächlich nicht mehr erlauben!" Doch, doch - von mir aus schon! ;-) Ich wollte auch nicht den Besserwessi spielen. Aber bei diesen Fragen (Glauben und Wissen) bin ich sehr empfindlich...

    "Wenn auch die Theologen und die Offiziellen der Kirche etwas lehren (z.B. dass die Erde eine Kugel ist), ist es deshalb auch im Bewusstsein des Volkes verbreitet? Dabei interessiert mich allerdings weniger das Mittelalter als vielmehr die aktuelle Lehre der Kirche bzgl. des Islam. Aber wie gesagt: ein anderes Thema."

    Anderes Thema, aber gleichwohl sehr wichtiges Thema! Besonders auffällig beim "Hexenglauben", den Sie ansprechen: der Wahn ging vom Volke aus, nicht von der Kirche, schon gar nicht von der Hochtheologie (die den Hexenglauben als Aberglauben verurteilt hatte, ehe die Hexenverfolgung in Europa so richtig begann). Anderes Bsp.: Der Papst konnte die Juden beim Ausbruch der Pest noch so sehr in Schutz nehmen (Papst Clemens VI. in seiner Bulle Quamvis perfidiam von 1348), die Juden galten trotzdem als der Brunnenvergiftung "schuldig".

    Es gibt ja für die Philosophie die These der Phasenverschiebung (also, dass die Ideengeschichte der Realgeschichte immer ein paar Jahrzehnte voraus ist - erst Aufklärung, dann Revolution), aber auch das kommt nicht immer hin. Und in der Theologie ist es ja - zumal heute - oft so, dass die "Lebenswirklichkeit" gerade zum Ausgangspunkt neuer Ideen und neuer Thesen wird, die Theoriebildung als etwas von "Nachvollziehen und Rechtfertigen der Praxis" hat.

    Was den Islam angeht, müsste die aktuelle Lehre (ausgehend von Nostra aetate) einmal allgemeinverständlich dargelegt werden. Gibt es da eine gute Abhandlung zu? Soweit ich das sehe, hat man sich in den letzten Jahrzehnten von seiten der Kirche vor allem um den Jüdisch-Christlichen Dialog gekümmert - ist ja auch sehr wichtig, aber eben eher historisch und theologisch. Für die Zukunft ist der Islam der wichtige Gesprächspartner (wenn bzw. soweit er denn einer sein kann). Daran wird sich einiges entscheiden.

    Ich denke, der akademische Diskurs braucht eine gute Vermittlung. Das ist vor allem Aufgabe der Priester und der Ordensleute, die ja zwischen Uni und Gemeinde stehen. Aber auch der katholischen Publizisten, also auch der Blogger. ;-)

    LG, JoBo

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  3. Vielen Dank - für die Lizenz zur Flapsigkeit und für die ausführliche Antwort! :) Was den Islam angeht, ist m.E. die Frage des Gesprächspartners eine entscheidende. Es gibt halt keinen muslimischen Papst. Um mal wieder flapsig zu werden: da ist der Islam wie die evangelische Kirche - vielfältig. Nostra aetate, ein Text, den ich überaus wichtig finde, seit ich ihn im Studium lesen musste. Aber wer kennt den schon? Die Elfenbeinturm-Insider. Ansonsten zählt, was der Papst sagt und tut. Und wenn der den Koran küsst oder ein interreligiöses Treffen oder gar Gebet veranstaltet, regen sich die Leute auf, die gerade in der Tagesschau gesehen haben, dass "der Islam" wieder mordet und bombt und Christen kreuzigt. Ich schreibe mich in Rage. Drum hör ich besser auf. Und blogge weiter im Sinne des interreligiösen Dialoges. :)

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