Mittwoch, 31. Oktober 2012

Die Nonnen von Lage, Teil III: Stille

Neulich waren die Firmlinge unseres Pfarrverbandes bei uns in Waldniel zu Besuch. Wir haben einen sehr schönen Gottesdienst gefeiert und sie waren auch interessiert und freundlich. Bei der Vorbereitung hatte Sr. Katharina ausdrücklich darauf geachtet, keine zu langen Phasen der Stille einzubauen - trotzdem hatte ich das Gefühl, dass es einigen der Jugendlichen extrem schwer fiel, diese Momente auszuhalten. Kein Wunder: Wir reden nicht umsonst von der Reizüberflutung in unserer Gesellschaft.
Wie wäre es diesen Jugendlichen wohl in Lage ergangen? Hier habe ich während meiner Exerzitien eine beeindruckende Form von Reizreduzierung erlebt. Ich hoffe, meine Lager Mitschwestern verzeihen mir, wenn ich ein bisschen aus der Klausur plaudere, aber die Szene war für mich wirklich beispielhaft.
Das Refektorium in Lage: schlicht
Normalerweise wird in Lage beim Essen geschwiegen. Mittags gibt es eine Tischlesung und sonntags wird zu allen drei Mahlzeiten klassische Musik gespielt. An diesem Sonntag hatten die Nonnen einen Spielfilm gesehen. (Ich nicht, ich war ja in Exerzitien.) Das machen sie natürlich nicht oft, vielleicht hatten sie die DVD geschenkt bekommen. Jedenfalls hatten sie zwischen Non und Vesper einen sehr beeindruckenden Film gesehen. Beim Abendessen sagte die Priorin dann in die Stille hinein: "Wir lassen die Musik heute mal weg. Ich denke, wir haben ja alle noch mit dem Film zu tun."
Die Landschaft draußen:
auch nicht aufregend.
Genau richtig für meditative Spaziergänge!
Das ist Reizreduzierung, und ich meine, davon bräuchte unsere Gesellschaft mehr: Man hat etwas gesehen, gehört, geschmeckt, gelesen, gefühlt, erfahren - und anstatt dass wir es auskosten, verkosten, genießen und auf uns wirken lassen, wollen wir entweder immer mehr oder eilen direkt zum nächsten. Am besten immer mehrere Dinge gleichzeitig, als "multitasking" auch noch als eine erstrebenswerte Fähigkeit gepriesen. 
In Lage lerne ich, dass es nicht darauf ankommt, möglichst viel und vielerlei wahllos in meine Zeit zu stopfen. Viel wichtiger wird mir allmählich, eine bessere Auswahl zu treffen - und damit in die Tiefe zu gehen, mich davon verändern zu lassen. Denn in dieser Tiefe - dort wartet Gott.

Kommentare:

  1. Liebe Sr. Barbara,

    erst einmal- ich lese auf diesem Blog sehr gerne, bisher still, mit. Es ist so schön, dass es damit einige der wenigen Möglichkeiten gibt, im Alltag einen Hauch dieses besonderen Lebens im Kloster miterleben zu können.

    Und dieser Text gerade- der passt momentan so gut für mich und einigen meiner momentanen Gedanken, dass ich einfach mal Danke sagen möchte! Und es ist wunderbar, dass es solche Orte gibt, an denen Stille ein Geschenk ist, das nicht nur ausgehalten, sondern erlebt wird.

    Liebe Grüße, Vara

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  2. Liebe Vara (richtig, oder war das eine vertippte "Vera"?),
    tut mir leid, dass ich so lange nicht reagiert habe. Es war viel los in unserem möchte-gern-stillen Kloster. :) Und dann hatte ich tatsächlich mal ein Wochenende offline, das habe ich richtig genossen. Danke, es tut mir natürlich sehr gut zu lesen, dass es Menschen gibt, denen unsere Texte gut tun.
    Ja, Stille ist ein Geschenk! Immer und immer wieder möchte Gott uns beschenken, aber gerade mit der Stille ist es so eine Sache: sie ist wie ein Fahrrad. Wenn man noch nicht fahren kann, nützt es einem nichts, kippelig, man hat Angst umzufallen und kommt nicht weit... Aber wer einmal fahren kann, der weiß, wie schön und wichtig es ist, fährt immer längere Strecken - und er verlernt es nicht. So ist es auch mit der Stille.
    Liebe Grüße, Barbara.

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