Freitag, 14. September 2012

Brian und die Beter

"Die Süddeutsche" berichtete heute
auf der ersten Seite von den
Krawallen in Kairo
Ein Mensch mit anscheinend gefälschter Identität hat einen 14minütigen Film gedreht, hat ihn ins Netz gestellt und ist dann abgetaucht. Er hat mit diesem kurzen Machwerk anscheinend nicht nur gezielt den Islam diffamiert und damit die Gesamtheit der Moslems bewusst und gewollt beleidigt, sondern zu diesem Zweck auch noch die Darsteller über den Inhalt belogen (vgl. die heutige "Süddeutsche"). Dementsprechend ist die gerechte Empörung allenthalben groß - und verständlich.
Was ich allerdings nicht verstehen kann, ist die Gewalt, die sich in Ägypten und Libyen jetzt entlädt. Natürlich ist auch die leicht zu erklären: dieser Film ist eigentlich nur der Zünder, das Pulver, das die eigentliche Explosion ausmacht, hat sich lange schon angesammelt. Trotzdem: Wieso kann ein 14-minütiger Film als legitimer Anlass gelten für demolierte Botschaften, brennende Autos - und sogar die Ermordung von Menschen?
"Das Leben des Brian",
von 1979, geht mit religiösen
Gefühlen der Christen
nicht zimperlich um.
Als Vergleich fiel mir "Das Leben des Brian" ein. Dieser Spielfilm der britischen Gruppe Monty Python wurde von vielen Christen, v.a. Katholiken, als blasphemisch und schwere Beleidigung unserer Kirche und unseres Glaubens empfunden. Nun, auch wenn ich persönlich den Film mag, so kann ich doch nachvollziehen, wieso viele ihn für eine unzulässige Provokation halten. Er geht wirklich nicht zimperlich mit den religiösen Gefühlen der Christen um.
Und wie haben diese derart beleidigten Christen reagiert? Haben sie die Scheiben britischer Botschaften eingeworfen oder die Autos britischer Botschaftsangehöriger angezündet? Nein. Ich erinnere mich noch gut, dass es damals schwierig war, sich diesen Film anzusehen, weil vor den Kinos Gruppen betender Menschen standen, die sich um das Seelenheil derjenigen sorgten, die sich solche Blasphemien ansahen.
Ich fand das damals albern. Heute habe ich Respekt vor diesen Menschen, die ihrer Empörung und Wut Ausdruck verleihen, eine Beleidigung ihres Glaubens nicht einfach hinnehmen, die aber gleichzeitig ihren Protest in Kanäle lenken, die eben diesem Glauben an den friedlichen Jesus von Nazareth entsprechen.

Kommentare:

  1. Als mir vor langer Zeit gesagt wurde, ich solle mal "Das Leben des Brian" gucken, zögerte ich. Ich wußte, daß ich auf Spott über Glaubenssachen recht empfindlich reagierte.
    Ich entschied mich, den Film doch zu sehen und beschloss, sofort zu gehen, wenn er mir nicht gefiele. Und blieb bis zum Abspann und habe ihn nicht nur einmal gesehen. Der Film spottet über Fanatismen aller Art, Nazarenerkitsch, Verklemmtheit und mehr - aber an keiner Stelle wird Jesus verspottet.
    Ich weiß nicht, ob es jemanden gibt, der einen gleichrangigen Film über islamische Strömungen fertigbringt - aber ich bezweifle es.
    Leider ist zu befürchten, daß auch ein solcher Film und selbst eine seriöse Dokumentation über die Frühzeit des Islam Krawalle mit Toten zur Folge hätte.

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  2. Ich schätze "Das Leben des Brian" ganz genauso ein. Aber es gibt eben auch Menschen, die ihn anders verstehen und sich davon gekränkt fühlen. Das muss ich respektieren. Ich meine, dass es auch im Islam sehr unterschiedliche Weisen gibt, mit Provokationen umzugehen. Die einen sagen: "Das ist doch nur ein dummer Film, darüber darf man sich nicht aufregen" (gestern in der Tagesschau gehört) und die anderen regen sich eben doch auf. Das scheint mir überall gleich zu sein, nur die Art, WIE sich die Empörten aufregen, die ist im Islam eben schon sehr speziell.

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  3. ich finde es schwierig, dass hier filme und "protestarten"und religionen verglichen werden.

    ich habe den film, von dem sich islamische menschen gekränkt fühlen nicht gesehen, kann mir aber vorstellen, dass es auch für mich einen punkt geben könnte an dem ich mich so getroffen fühlen würde, dass ich so ausser mir wäre, dass ich mich so in die ecke gedrängt fühlen würde, dass ich zu mitteln greifen würde mich zu wehren (so würde ich das ja in dem moment empfinden), die eigentlich nicht meinen werten entsprechen. ich lehne gewalt ab, egal von wem sie ausgeht- glaube aber auch, dass ich nicht das recht habe den ersten stein zu werfen, wenn menschen gewalttätig werden.

    ich glaube, dass einegroße not dahintersteckt, wenn menschen zu gewalt als ausdruck dieser not greifen- und das der einzige weg, diese gewaltspirale zu unterbrechen ist, versuchen zu verstehen, was den anderen antreibt so zu handeln.

    damit meine ich nicht, dass es eine rechtfertigung für die gewalt gibt - meiner meinung nach kann es aber nur veränderung und ausstieg aus der gewalt- echten frieden - geben, wenn ich trotz allem versuche, den menschen, der gewalt anwendet weiter als menschen zu sehen mit seiner ganzen not.

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  4. Ja, ich versuche auch, die Not der Menschen zu verstehen, die dahintersteht. Aber irgendwann ist Schluss mit dem Verstehen. Sicher hat die islamische Welt Grund zur Empörung. Aber die Provokation eines Spinners ist KEINE Rechtfertigung und nicht einmal eine Erklärung für diese Art von Aggression, Brandstiftung und Mord! Wie oft werden andere Religionen beleidigt - auch durch Muslime? Niemand hat die Büros der Titanic für die Verunglimpfung des Papstes in Brand gesteckt. Und wer ermordet die Fanatiker, die buddhistische Heiligtümer zerstören? Keiner. Gut so. Dazu habe ich heute einen interessanten Artikel in Welt online entdeckt. In diesem Artikel ist auch noch ein anderes Filmbeispiel genannt, viel passender als "Leben des Brian". Die dort genannte Beleidigung meines Glaubens ist so ekelhaft, dass ich sie nicht zitieren möchte. Der Film ist nicht verboten, sondern mit einem Preis gekürt worden. Lies selbst:
    http://www.welt.de/kultur/article109261025/Wie-unerzogene-Kinder-aus-dem-7-Jahrhundert.html

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  5. Sr.Barbara, vielen Dank für Ihre Antwort! Ich bin ganz Ihrer Meinung, es gibt keine Rechtfertigung für Gewalt. Keine Provokation rechtfertigt Gewalt.
    Die Beispiele, die Sie aufzählen, sind alles Beispiele, wo schlimme Sachen passieren- verletzende und oder provozierende Dinge, die weh tun, wenn sie gegen die eigene Herzensüberzeugung gerichtet sind.

    Sie schreiben: "Aber irgendwann ist Schluss mit dem Verstehen."
    Spätestens nach dem Lesen des von Ihnen verlinkten Artikels habe ich eine Idee dazu, was Sie damit meinen. Und möchte noch einmal sagen: Mir geht es nicht darum, die Gewalt die passiert zu rechtfertigen.
    Ich befürchte aber, dass wir die Konflikte dieser Welt nicht lösen können, wenn wir nicht versuchen, wirklich zu verstehen. Ich möchte wirklich verstehen, wie es sein kann, dass ein Film (und die Gerüchte rund um den Film, denn viele haben ihn ja wohl gar nicht selbst gesehen) zu so hoch esklalierender Gewalt führt. Was treibt diese Menschen dazu an?..Ich befürchte, dass wenn wir aufhören, Menschen verstehen zu wollen das dazu führt, dass dazu beiträgt, dass wir nur noch pauschal unsere eigenen WErte durchsetzen wollen. Notfalls mit harten Sanktionen, mit Strafen... und das ist dann der nächste Schritt in die Gewaltspirale. Wo ist der Ausstieg?...
    Nochmal: Es geht mir nicht um ein naives "ich bin ja sooo verständnisvoll" und Pseudoharmonie um jeden Preis..
    Ich suche nur nach dem Weg, der eine gewaltlose Grundlage hat und zu einer friedlichen Lösung beiträgt.
    Und ich frage mich, was ich als einzelne Person dazu beitragen kann, damit die Gewalt nicht weiter eskaliert.

    Was mich dabei leitet ist in diesem Zitat von Mahatma Gandhi ausgedrückt:

    Fünf Vorsätze für den Tag: Ich will bei der Wahrheit bleiben. Ich will mich keiner Ungerechtigkeit beugen. Ich will frei sein von Furcht. Ich will keine Gewalt anwenden. Ich will in jedem zuerst das Gute sehen.
    Mahatma Gandhi

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    1. Tut mir leid, dass ich so lange für die Antwort gebraucht habe, es war so viel anderes... Aber wir sind uns, so glaube ich, auch ganz einig. Das Gandhi-Zitat ist wunderbar. Ich habe kurz gedacht, Jesus hätte das auch sagen können. Aber jetzt meine ich, er hätte wohl nicht gesagt "Ich will mich keiner Ungerechtigkeit beugen." Denn genau das hat er getan: er hat sich foltern und ermorden lassen, obwohl er unschuldig war, um alle - auch seine Folterer - von der Schuld zu erlösen und uns ein Beispiel für Gewaltlosigkeit zu geben. Er hat uns gelehrt: "Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihnen gehört das Himmelreich" (Evangelium nach Matthäus, Kapitel 5)
      Ihnen einen gesegneten Tag, Sr. Barbara.

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